Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Kloster Maulbronn 🔗, Weltkulturerbe
Typ:
Klosteranlage
Ort:
Maulbronn [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
-
Materialien:
Altbausanierung
Publiziert:
d+h 09/2017
Seiten:
12 - 16
Inhalt:
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Dachsanierung am Kloster Maulbronn

Eingeschoben und aufgehängt

Das Kirchendach dieser Stätte des Weltkulturerbes ist in den letzten drei Jahren aufwändig umgedeckt und instand gesetzt worden. Für die Steinsanierung der Strebepfeilerfialen wurde eine individuelle Gerüstkonstruktion geschaffen, die über dem geneigten Seitendach »schwebte«.
In der Ausgabe 11/2013 der Bauhandwerk haben wir schon einmal von der umfassenden Sanierung des Klosters Maulbronn berichtet. Damals befassten wir uns mit der Putz- und Steinsanierung am Beispiel des Kreuzgangs und der Klostervorhalle, dem sogenannten Paradies, der aktuelle Artikel beschäftigt sich nun mit den bemerkenswerten Dachsanierungsdetails des eigentlichen Kirchenbaus.
Hintergrund
Grundlage für die gesamte Sanierung war das nach den strengen Kriterien der Bauforschung erstellte verformungsgerechte Aufmaß der kirchlichen Klostergebäude des Heidelberger Bauforschers Peter Knoch. Auch das in diesem Artikel verwendete digitale Planmaterial wurde uns von seinem Büro freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Im Rahmen der erwähnten grundlegenden Baudokumentation war auch der Autor beteiligt. Er hatte den Auftrag, alle aufgehenden Wand- und Gewölbeflächen der Kirche und ihrer Anbauten hochauflösend zu fotografieren und diese als Messbilder zu bearbeiten. Dies sind perspektivfrei und maßstäblich angelegte Abbildungen, denen mit Hilfe eines Lineals die wahren Längen eines Objektes entnommen werden können.
Zwischen Romanik und Gotik
Das Kloster Maulbronn besitzt seinen Welterbestatus nicht allein wegen der bis heute vollständig erhaltenen mittelalterlichen Klosterstadt. Der in weiten Teilen im 13. Jahrhundert errichtete Bau stellt den Übergang von Spätromanik zur Frühgotik dar und ist damit auch kunstgeschichtlich enorm bedeutsam. So finden sich im Paradies großformatig angelegte Wanddurchbrüche mit seitlichen Maßwerkkonstruktionen, die für diese Zeit ein absolutes Novum darstellen. Auch die äußeren Strebepfeiler der Langhauswände mit ihren spitzturmartigen Sandsteinfialen sind allein schon durch ihr Vorhandensein mehr gotisch als romanisch. Sie galt es mit dieser besonderen Außengerüstkonstruktion neben dem Dach instand zu setzen.
Schwebendes Gerüst
In der Regel überbrücken Strebepfeiler die vollständige Breite eines Seitenschiffdaches und führen die nach außen drängenden Querkräfte einer hohen Langhauswand über eine turmartige Fiale in die Außenwand des niedrigeren Schiffes ein. In Maulbronn schließt sich jedoch an das südliche Seitenschiff eine durchgehende Folge von zehn Kapellen an, so dass die erwähnten Fialen mittig in einer geneigten Dachfläche stehen. Große offene Bogenstellungen verbinden diese jeweils ein Joch umfassenden Sakralräume mit dem eigentlichen Kirchenbau. Die Kapellen wie die Seitenschiffe sind überwölbt, so dass an ein stehendes Gerüst direkt um die Fialen herum schon aus statischen Gründen nicht zu denken war. Nach eingehender Prüfung und Beratung durch den Karlsruher Gerüststatiker Speer entschied sich das zuständige Staatliche Hochbauamt Pforzheim für das Konzept der Burkart Gerüstbau GmbH aus Rheinstetten. Die Gerüstbauer hatten vorgeschlagen, das südliche Seitenschiff mit einer hängenden Bockkonstruktion vollständig zu überbrücken und die erforderlichen zehn Fialgerüste von massiven Leimholzbindern abzuhängen. Die Monteure schufen deshalb zunächst eine freistehende, rund 18 m hohe Gerüstkonstruktion entlang der über 50 m langen äußeren Kirchenlängswand. Deren Höhe entsprach ziemlich genau der Langhaustraufe.
Das mit der Dachsanierung beauftragte Zimmermannsunternehmen Holzbau Büchle aus dem benachbarten Ölbronn unterstützte die Gerüstbauer mit der Einbindung der horizontalen Gerüstträger in das historische Dach. Dafür deckten die Zimmerleute zunächst das durchgehende Hauptschiffsatteldach punktuell jeweils auf Höhe der Jochachsen ab. Dann schoben die Gerüstbauer mit Hilfe eines Autokrans die elf rund 13 m langen, jeweils 80 x 20 cm messenden Leimholzbinder so in diese Öffnungen hinein, dass sie auf der Oberkante des massiven Mauerwerks zu liegen kamen, während sie außen auf dem beeindruckenden Gerüst ruhten. Mit einer zangenartigen Lattenkonstruktion sicherten die Monteure anschließend die aufrecht stehenden Träger auf der Traufseite gegen ein mögliches Umkippen. Dann hängten sie daran die Fialgerüste an.
Die Zimmerleute ummantelten provisorisch die Leimholzbinder mit einer Dachpappe in der Dachflächenebene und fügten daran bündig Dachziegel wieder an, so dass letzteres wieder geschlossen war. Oberhalb der horizontalen Binder fixierten sie zwischen den Ziegeln ein horizontales Winkelblech, das wie eine Regenrinne wirkte und das abfließende Wasser von den Hölzern weghielt. Da das Gerüst etwa ein Jahr stehen sollte, war die Abdichtung beständig ausgelegt. Schließlich sollte es nicht hineinregnen, zumal die Wände darunter gleichzeitig saniert wurden und spätestens danach auf gar keinen Fall mehr durchfeuchten durften.
Die horizontale Leimholzbinderschar in Langhaustraufhöhe erleichterte aber auch bedeutend die handwerklichen Arbeiten. So schlossen die Zimmerleute eine etwa 5 m breite Teilfläche zwischen zwei Trägern mit Holzplanken wie eine Fußgängerbrücke, während die Monteure genau an dieser Stelle an der äußeren Gerüstkonstruktion einen Baustellenaufzug anbrachten. Die Handwerker öffneten das alte Dach zudem an dieser Stelle und schlossen es mit einer Behelfsgaube, in die eine Baustellentür integriert war. Im Dachstuhl richteten sie sich daraufhin eine wettergeschützte Holzwerkstatt ein und umgingen so auch noch effektiv den regulären Dachstuhlzugang: eine enge Spindeltreppe in Höhe der Kirchenvierung. Ihre ausschließliche Nutzung hätte alles noch umständlicher gemacht!
Dachumdeckung
Alle Dächer der Kirchenanlage erhielten eine Dachumdeckung. Dabei wurden alle tragenden Bauteile wie Sparren, Pfetten sowie die Lattung gereinigt und ausgebessert. Vereinzelt mussten ganze Abschnitte der Sparren wie auch Teile der horizontalen Zugbalken ausgetauscht werden. Die neuen Bauteile wurden mit Holznägeln in traditioneller Zimmermannsbauweise mit dem Bestand verzapft, Nagelplatten wurden grundsätzlich nicht verbaut. Verwendet wurde, wie einst beim historischen Vorbild Nadelholz, zumeist heimische Tanne aus dem nahen Schwarzwald.
Auch alle Dachgauben wurden ausgebessert, lediglich eine musste komplett ersetzt werden. Sie wurde in Beibehaltung der konstruktiven, mittelalterlichen Zimmermannsdetails 1:1 nachgebaut. Auch alle Dachziegel wurden abgenommen, einzeln auf Schäden überprüft und anschließend neu eingedeckt. Schadhafte beziehungsweise brüchige Tonziegel wurden durch neue ersetzt, bei denen es sich um exakte Neuanfertigungen der alten Biberschwanzziegel handelt. Diese sogenannten Klosterbiber weisen ein Nennformat 20 x 40 cm auf und wurden von der Firma von Pierre Lanter aus Hochfelden im Elsass hergestellt. Sie wurden weitgehend handgefertigt und in einem klassischen Ringofen gebrannt. Der Umstand, dass die Tonelemente so runde Zentimetermaße aufweisen, ist mehr Zufall als alles andere, denn natürlich kannte man diese Maßeinheit damals noch nicht. Tatsächlich besitzen historische Ziegel selbst innerhalb eines Daches kaum keine einheitliche Größe. Im Vorfeld wurde empirisch am Maulbronner Klosterdach ein Durchschnittswert ermittelt und dieser bei Tuilerie Briqueterie Lanter in Auftrag gegeben. Auch Firstziegel, die komplett ersetzt wurden, hat die Elsässer Manufaktur produziert. Die Dachdecker der Firma Büchle setzten sie nach alter Handwerkstradition lediglich in herkömmlichem Dachdeckerspeis. Der erneuerte spätmittelalterliche Dachstuhl weist weder eine Isolierung noch eine Dampfsperre auf. Da der Kirchenraum einerseits nicht geheizt ist und daher im Winter zwar historisch korrekt, aber für unsere heutigen Maßstäbe quasi unbenutzbar kalt ist, war dies zum einen nicht erforderlich und dazu aus denkmalpflegerischer Sicht ohnehin nicht zulässig.
Die von den Dachdeckern während der Umdeckung jeweils abgedeckten Teilflächen des Daches waren durch ein temporäres Wetterschutzdach, das auf Schienen verfahren werden konnte, vor Niederschlag geschützt. War ein Teilbereich erneuert, schob man einfach die mit Planen verhängte Dach- Einhausung an eine neue Position.
Suchrätsel
Tatsächlich ermöglichte das Gerüst nicht nur die erforderlichen Sanierungsarbeiten, es half auch aktuelle Rätsel der Forschung zu lösen. So fand sich in der Sammlung von Holger Probst, dem zuständigen Denkmalpfleger des Staatlichen Hochbauamtes, ein sonderbares Sandsteinfragment, das aus einer Maulbronner Haushaltsauflösung stammt. Zweifellos gehörte es zum Kloster, doch keiner konnte zuordnen, woher genau. Eine von Probst ausgelobte Suche unter den Handwerkern und Denkmalpflegern fand in den eingerüsteten Fialen ihr erfolgreiches Ende. Tatsächlich konnte nachgewiesen werden, dass es sich um eine sogenannte Krabbe ebendieser seitlichen Turmspitzen handelte, die vor Jahrzehnten einmal abgefallen war.
Robert Mehl, Aachen