Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Casa Hermandad de la Vera-Cruz
Typ:
Verwaltung, Altbausanierung
Ort:
Jerez de la Frontera [Karte]
Staat:
Spanien
Architekt:
A. Martinez, J. Trillo, Sevilla
Materialien:
Holz, Trockenbau
Publiziert:
DBZ 06/2007
Seiten:
54 - 63
Inhalt:
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Haus für eine Bruderschaft in Jerez/E

Wandlung vor einer Wand

Die Architekten Louis Trillo de Leyva und Antonio Martinez Garcia retteten ein ehemaliges Pfarrhaus in der spanischen Stadt Jerez de la Frontera aus seinem desolaten Zustand. Mit maßgefertigten Holzeinbauten ist ein kleines Haus für die Bruderschaft Vera Cruz entstanden, das von außen kaum erkennen lässt, dass sich im Inneren alles gewandelt hat.
Wie schon dem Namen zu entnehmen ist, lag das andalusische Jerez de la Frontera einmal an der Grenze zweier Machtbereiche. Einst trafen hier das abendländisch-christliche Königreich Kastilien und das maurische Reich der Nasriden, deren Hauptstadt Granada war, aufeinander. Mit dem Fall des letzten arabischen Staates auf europäischem Boden im Jahr 1492 sah sich die spanische Inquisition vor die Aufgabe gestellt, die Moriskos oder Mauren auf eine mehr oder weniger blutrünstige Weise in den Schoß der katholischen Kirche zurück zu missionieren.
Jerez wurde eine zentrale Drehscheibe dieser Bemühungen und zahlreiche Orden und Bruderschaften nahmen diesen schon damals für seine schweren Weintrauben bekannten Ort wohl nicht allzu ungern zu ihrem Sitz. In der Folge entstanden hier zahlreiche Klöster, Kirchen und Konvente. Diese bilden heutzutage eine so opulente Hinterlassenschaft, dass ein gewagterer Umgang mit der historischen Substanz nicht nur opportun, sondern tatsächlich notwendig zu sein scheint, um den historischen Kern des Städtchens in einem vitalen Zustand zu erhalten.
Die Sanierungstätigkeit in Jerez hatte die DBZ in ihrer Ausgabe 05/2006 schon einmal zum Thema gemacht. Wurde damals die Umnutzung eines ehemaligen Konventsgebäudes vorgestellt, welche durch so stimmige wie radikale gestalterische Eingriffe bestach, so soll nunmehr auf eine Innensanierung aufmerksam gemacht werden, die äußerste Zurückhaltung gegenüber der historischen Substanz an den Tag legt und dennoch zu einer eigenen Formensprache findet.
Dabei ist das Gebäude, ein ehemaliges Pfarrhaus, mitnichten selber aus einem Guss. Vielmehr ist der erst im 19. Jahrhundert ausgeführte Bau eine Nachverdichtung des sakralen Bestandes der Kirche San Juan Evangelista, welche zu den vier Hauptkirchen der Stadt zählt.
Der Sakralbau besitzt einen gotischen Chor und ein Langhaus aus der Renaissance, das später noch einmal mit einem barocken Westabschluss verblendet wurde. Die nördliche Flanke der Kirche war geprägt von unregelmäßigen Strebepfeilern, einem vorspringenden Haupteingang und einer kubischen Kapelle, die satellitenartig an den Chor angelagert ist. Vor 150 Jahren entschloss man sich kurzerhand, die etwa auf einer Linie gelegene Bauflucht des Einganges mit der Stirnseite der Kapelle zu einer Front zu verbinden und den so gewonnenen knapp drei Meter tiefen Raum als Wohnhaus zu nutzen. Dem Ganzen gab man ein neobarockes Gepräge.
So entstanden auf drei Geschossen jeweils drei kleine Räume, deren Trennwände aus den nicht ganz gebäudetiefen Strebepfeilern der Hauptkirche bestanden.
Die aktuelle Sanierung war notwendig geworden infolge des stark zersetzten Zustandes der alten Holzbalkendecken, wie auch durch die administrativen Bedürfnisse des neuen Nutzers der Bruderschaft Vera Cruz, einem kirchennahen Verein.
Eine zusätzliche Herausforderung bildete die historische Trennwand zur Kirche. Das heutzutage im Bereich der neuen Treppe unverputzt vorliegende Mauerwerk sollte auf gar keinen Fall gestört werden, da an ihm die Bauphasen des Sakralbaus ablesbar sind.
Die aktuelle Maßnahme orientiert sich an der gegebenen Raumaufteilung. Allein die Position der Treppe wurde aus der großen nordöstlichen Raumschichtung herausgenommen und in die mittlere Zimmerachse verschoben. Dadurch gelang es, sich einerseits der gefangenen Räume zu entledigen und anderseits von der nunmehr zentralen Vertikalerschließung ausgehend eine klare Zuordnung zu schaffen.
Der durch alle Geschosse hinweg homogen gestaltete Treppenkern legte eine formale Nähe der übereinanderliegenden Räume nahe. Während die kleineren Volumen im Nordwesten jeweils eine mineralische Wandoberfläche aus Stuckolustro erhielten, wurden die großen repräsentativen Räume im Nordosten mit einer Holzkonstruktion in Eichenfurnier verblendet. Diese überspielt einerseits die ursprüngliche Inhomogenität dieser Räume und schafft gleichzeitig mit den zahlreichen Einbauschränken und Regalen enormen Platz für die unvermeidliche Verwaltungsablage.
Im Zuge der Sanierung mussten die alten Decken vollständig erneuert werden. Die Planer nutzten die vorhandenen alten Balkenlöcher in der historischen Trennwand zur Kirche als Auflager für die neue Deckenkonstruktion. Sie setzten in diese Öffnungen Stahlschuhe ein und vermauerten diese kraftschlüssig. Auf die vorspringende Stahlnase wurde ein Rost aus Stahlträgern aufgelegt, auf dem die neue enger gesetzte Balkenlage ruht. Entscheidendes Kriterium war es hierbei, die alten Geschosshöhen und damit verbunden die tradierten Raumvolumina zu erhalten.
Auch bei der Treppe verbot es sich, zur Stabilisierung derselben das alte Mauerwerk anzugehen. Sie wurde in einer selbsttragenden Bauweise ausgeführt, bei der die Läufe momentfrei an die neue Deckenkonstruktion angeschlossen wurden. Statisch bedeutsam sind die skulptural geschlossenen Treppenwangen, welche in der Vertikalen die gleichlaufenden Treppenabschnitte miteinander verbinden. Sie dienen einerseits als Ersatz für einen Handlauf, andererseits verbergen sie eine aussteifende Stahlkonstruktion: Entlang der gedachten Diagonalen aus Tritt- und Setzstufe verläuft innerhalb dieser Holzblende ein T- Träger, der einen sägezahnartigen Zuschnitt erfahren hat. Angeschweißte stählerne Flansche nehmen die hölzernen Stufen auf. Der Träger ist über vertikale Zugstäbe auf der äußeren Seite der Treppenkonstruktion jeweils an das Rost der darüber befindlichen Decke angehängt. In der mittleren Wange verbinden die Zugstäbe die jeweiligen Läufe und stabilisieren diese. Ein Lauf hat jeweils nur eine massive Wange, entweder unter oder oberhalb der Stufenfolge. Die schwerelose Illusion wird dadurch perfekt, dass der aussteifende T- Träger entsprechend der Anordnung der durchgehenden Wange entweder unterhalb oder oberhalb des Laufes zu liegen kommt. So ergibt sich wechselweise eine wangenlose, streng geometrisch abgestufte Untersicht, die neben einer gleichartig ausgebildeten Aufsicht an Eleganz kaum zu überbieten ist. Dazwischengeschaltet befinden sich die durchlaufenden hölzernen Treppenwangen. Sie stören das soeben beschriebene Bild nicht. Vielmehr schaffen sie eine zweite Figur, in Form eines begehbaren Treppenmöbels das mit dem ersten alterniert.
Die großen holzverkleideten Räume besitzen jeweils ein fast geschosshohes Fenster mit einem kleinen historischen Balkon davor. Im ersten Obergeschoss wurde hier das Konferenzzimmer angelegt, im Raum darüber wurde das repräsentative Büro für den Manu Major eingerichtet, dem Vorsteher der Bruderschaft. Die kleineren, verputzten Einheiten beherbergen im ersten Obergeschoss das Sekretariat und darüber die Buchhaltung. Im Erdgeschoss finden sich ein kleiner Empfang und die sanitären Anlagen.
In den beiden Obergeschossen fällt eine kleine Nische auf, die den repräsentativen Volumina zugeordnet ist. Während diese im Konferenzzimmer als Teeküche diskret genutzt wird, wurde ein Stockwerk höher der eigentlich unscheinbare Zwickel als gläserne Vitrine inszeniert. Ein kaminartiges Oberlicht wurde direkt über dem Bereich angeordnet, welches nunmehr das Innere des verglasten Volumens hell erstrahlen lässt. Eine für die Bruderschaft bedeutsame Skulptur soll hier demnächst aufgestellt werden.
Es bleibt die Frage, warum diese Nische nicht im Erdgeschoss augenfällig geworden ist. Antwort gibt eine eingehende Untersuchung des dort eingebrachten Einbaumobiliars. Statt eines kleinen Raumes entdeckt man hier einen alten Brunnenschacht. Sorgsam wurden die Holzarbeiten an die historische Quellfassung herangeführt. Ein Blick hinab zeigt, dass der Brunnen nach wie vor Wasser führt. Das liebevolle Detail ist in seinem Anachronismus typisch für dieses Projekt. Wiewohl das Neue Einzug gehalten hat, ist das Alte nach wie vor in seiner Funktion.
Robert Mehl, Aachen