Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Flagshipstore Humanic
Typ:
Kleidergeschäft
Ort:
Graz [Karte]
Staat:
Österreich
Architekt:
Materialien:
Altbausanierung, Glas
Publiziert:
DBZ 12/2007
Seiten:
54 - 61
Inhalt:
[Artikel]      
 

Flagshipstore Humanic in Graz/A

Bestand beschwingt

Die als 1999 Weltkulturerbe geschützte Altstadt von Graz ist gekennzeichnet von dem filigranen Detailreichtum ihres Renaissancebestandes. Bei diesem Projekt suchten und fanden die Architekten eine zeitgemäße Parabel darauf.
Man könnte sagen, Graz wird durchweht vom Geist der Renaissance. Der Atem der Vergangenheit ist an fast an jeder Ecke spürbar. Zahllose Giebel, Gesimse, Friese und Lisenen dominieren das Bild der engen Altstadtgassen und pittoresken Plätze. Doch im Gegensatz zu anderen kulturmächtigen Städten Österreichs haben sich hier die Verantwortlichen der Stadt zu einem aktiven Umgang mit der Substanz entschlossen. Dies bedeutet: Man baut – in enger Absprache mit der Denkmalpflege – streng modern.

Der Bestand

Das Anwesen ist Stammsitz eines der größten Schuhkonzerne in Österreich, der seit einigen Jahren auch eine Filialkette für Bekleidung betreibt. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch die Bezeichnung „Flagshipstore“ hier viel zutreffender als bei einschlägigen Verkaufsstellen bekannter Marken in Paris, London oder New York. Auch die Verortung als allererste Geschäftslage ist für dieses Objekt im wortwörtlichen Sinne zutreffend. Die „Herrengasse 1“ markiert den Beginn der zentralen Einkaufsstraße, die am Platz vor dem historischen Rathaus ihren Ausgang nimmt.
Der Gebäudekomplex ist ein typisches Grazer Hofensemble der Renaissancezeit mit repräsentativem Vorderhaus, einem seitlichen Flügelbau mit Stallungen und einem pragmatischem Hinterhaus für das Gesinde. Ehemals bestand eine für Kutschen passierbare Tordurchfahrt, die auf den rechteckigen Innenhof führte, wo die Waren abgeladen und die Pferde versorgt wurden. Während der Vordereingang vornehmlich dem Geschäftsverkehr und der Kundschaft vorbehalten blieb, erfolgte die alltägliche Versorgung des Gebäudekomplexes über eine kleinere Passage im Hinterhaus, die auf die weniger illustre Prokopigasse führte und auch heute noch existiert. Den Architekten war es wichtig, diese stadträumlich interessante Verbindungsachse weiterhin zu erhalten, beziehungsweise in ihrem ursprünglichen Verlauf zu rekonstruieren. Denn wie so häufig war im Vorderhaus die historische Fassade nur ab dem ersten Obergeschoss erhalten, das Erdgeschoss wie auch weite Teile der ursprünglichen Decken waren zuvor schon einer Modernisierung zum Opfer gefallen.

Die Maßnahme

Die zwischenzeitlich an die Seite gerückte Passage zur Herrengasse wurde in die Mittelachse zurückverschoben. Aus statischen Gründen wurde das dem Innenhof zugewandte Drittel des Vorderhauses komplett abgetragen und in seinen ursprünglichen Dimensionen neu aufgebaut. Zur Kennzeichnung des Eingriffs wich man hier von einer historisierenden Lochfassade ab und arbeitete mit zeitgemäßen Fensterformen. Während die großformatigen Glasflächenfenster die drei Ebenen des Shops kennzeichnen, belichten die vier darüber angeordneten, unterschiedlich großen Öffnungen mit ihren prismenartigen Leibungen den Sozialraum des Geschäftes. Dabei sitzen die kleineren beiden Fenster unmittelbar auf dem Fußboden auf. Das darüber durchlaufende Lamellengitter kaschiert die Zuluftöffnungen des offenen und ungeheizten Dachraumes, das zudem die gesamte Klimatechnik birgt. Die einzige signifikante Änderung in der Kubatur war die Erweiterung des alten seitlichen und ehemals offenen Treppenhauses. Die neue Treppe dient nunmehr ausschließlich zur Vertikalerschließung des Shops. Durch die Verlagerung der Vertikalerschließung an die Seite entstanden kompakte Verkaufsebenen, deren Interieurs deutlich leichter zu gestalten waren und von dem Grazer Bühnenbildner Hans Michael Heger entworfen worden sind. Teilweise unterscheiden sich die Raumfolgen stark in ihrer Formensprache. Für die Sportschuhabteilung, die sich in den Erdgeschossgewölben der ehemaligen Stallungen befindet, ersann er ein expressives Ambiente, das er auf einen grünen Kunstrasen bettete. Bewusst wurde in dem ganzen Store auch mit einer künstlichen Beduftung gearbeitet. Während in der Damenabteilung eher frühlingshaft-frische Noten vorherrschen, wird die Herrenabteilung von einem kaum merklichen Lederaroma dominiert.

Der Innenhof

Ursprünglich war es vorgesehen, den gesamten Innenhof mit einem Glasdach zu schließen und auch das Hinterhaus in die Sanierung einzubeziehen. Aufgrund denkmalpflegerischer Bedenken wurde jedoch von der Überdachung abgesehen und am Hinterhaus oberflächliche Arbeiten an der Fassade und in der kleinen Passage zur Prokopigasse durchgeführt. Bewusst erhalten blieben hier jedoch, wie auch in dem Dachgeschoss des Seitenflügels, die alten Wohneinheiten mit ihren ursprünglichen Mietern. Um den Hofbereich so hell und freundlich wie möglich zu halten, wurde für die drei Fassaden des Ensembles ein dottergelber Anstrich gewählt. Mit seiner Farbintensität wirkt er auch auf die vierte Wandfläche zurück.

Der Brandschutz

Neu ergänzt wurden im Innenhof die eisernen Laubengänge (Pawlatschen). Ihre Detaillierung orientiert sich an einer baufällig gewordenen Vorgängerkonstruktion. Die neue Konstruktion dient jedoch nicht mehr der Erschließung, sondern vor allem als Fluchtweg aus dem dreigeschossigen Store. Zusätzlich wird im Brandfalle das offene Treppenhaus über automatische Brandschutzrollos von den Verkaufsflächen getrennt.

Die Außenfassade

Bei der Ausgestaltung der Eingangsfront suchten die Architekten nach einer melodiösen und zeitgemäßen Entsprechung, die sich stimmig in das von Vor- und Rücksprüngen geprägte historische Umfeld einfügt. Ihre Antwort fanden sie in einer schräg angeordneten Verglasung, deren oberer Bereich in eine Krümmung übergeht und schließlich in einem gläsernen Vordach ausläuft. Auf eine durchgehende Krümmung der Scheiben verzichtete man bewusst, um die Auslage nicht verzerrt erscheinen zu lassen. Die Neigung der entspiegelten Schaufensterscheiben hat einen bemerkenswerten Nebeneffekt: das Glas erlaubt einen quasi reflexfreien Blick auf die Ware. Die Sockelzone wurde mit einer opak hinterleuchteten Schrägverglasung gefasst. Sie verhindert das Entstehen eines schmuddeligen Bereiches unterhalb des Schaufensters und markiert subtil die maximale Annäherung an dasselbe, ohne sich an ihm gleich den Kopf zu stoßen.
Die gesamte Realisation zeichnet sich durch eine echte Adaption des Vorgefundenen aus. Für historische Zentren möchte man sich mehr solch stimmiger Neuinterpretationen wünschen.
Robert Mehl, Aachen