Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Gruta des Torres Besucherzentrum, Azoren
Typ:
Ausstellungsgebäude
Ort:
Criação Velha [Karte]
Staat:
Portugal
Architekt:
SAMI.Arquitectos 🔗, Setubal
Materialien:
Beton, Glas
Publiziert:
DBZ 09/2006
Seiten:
68 - 69
Inhalt:
[Artikel]      
 

Besucherzentrum auf den Azoren/PT

Im Rausch der Tiefe

Ein einfacher wie sinnfälliger Bau fasst den Zugang zu einer erkalteten Lavaröhre auf der Insel Pico. Die Architektur wurde dabei stimmig in die zum Weltkulturerbe zählende Landschaft eingebettet.
Sie werden Currais genannt: schwarze Mauern aus Lavastein, welche die grüne Landschaft der Insel Pico wie ein unregelmäßiges Spinnennetz durchziehen. Sie schützen die rebenbestandenen Hänge des gleichnamigen Vulkans und der höchsten Erhebung Portugals vor den starken und kühlen Atlantikwinden und dämpfen das Klima, indem sie die Energie der hier meist nur verhalten scheinenden Sonne speichern. Entstanden waren sie aus der puren Not, nach den letzten beiden Ausbrüchen des Feuerberges, in den Jahren 1718 und 1720. Die beiden Eruptionen verwandelten die einst fruchtbaren Felder und Obsthaine des Eilandes in eine Aschewüste, auf der fortan nur noch Wein gedieh. Teilweise bestehen die Mauern aus dem Gestein der erstarrten Lavabäche, die mühsam abgetragen wurden, um erneut an den darunter begrabenen Mutterboden zu gelangen. 2004 wurden diese alten Wingerte etwas südlich der Inselkapitalen und Haupthafenstadt Madalena von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.
Das 750 Einwohner zählende Örtchen Criação Velha, keine drei Kilometer von Madalena entfernt, bildet das wirtschaftliche Zentrum der Traubenwirtschaft. Hier nimmt auch der steile Weg seinen Ausgang, der linker Hand weiter bergauf zu der erst 1990 entdeckten Gruta das Torres, der Grotte der Türme führt. Bei dem ausgedehntesten Höhlensystem in portugiesischem Grund handelt es sich um eine gut 5,1 km lange und bis zu 15 m hohe Lavaröhre, von der allerdings nur die vordersten 400 m touristisch erschlossen sind. Ihr natürlicher Zugang besteht aus zwei unscheinbaren, oberlichtartigen Öffnungen in dem ansonsten dicht mit Lorbeer, Wacholder und Baumheide bewachsenen Terrain.
Das neue Besucherzentrum umfasst nun diese beiden Höhlenocculi mit einer spiralförmig angeordneten Mauer, die in ihrer Form und Ausführung, die eingangs erwähnten Currais zitiert.

Durchbrochene Hülle

Die Wand ist Schutz, Thema und Aufgabe des Bauwerkes zugleich, denn das eigentliche Besuchs- und Informationszentrum ist nicht hinter, sondern in der Mauer. Vandalensicher angelegt, betritt man den nur saisonal geöffneten Ort durch eine relativ unprätentiöse Stahltür auf seiner schmalen Stirnseite und gelangt zu einem kleinen Patio mit einem Wasserbecken.
Der gebäudeartig geschlossene Teil des Ensembles beschreibt einen Viertelkreis und wird innen wie außen von der umlaufenden Mauerspirale definiert. Der Besucher erreicht zunächst einen kleinen Empfangs- und Ausstellungsbereich bevor er in einem weiteren Raum eine kurze Belehrung erhält und den obligaten Leihhelm samt Taschenlampe ausgehändigt bekommt.
So introvertiert und gedrungen sich der Bau nach außen geben mag, so überrascht seine Offenheit und Helligkeit in seinem Inneren. Die martialische und mit einer profanen Stützmauer verwandt scheinende Außenwand entpuppt sich als eine fragile Schichtung von Lavablöcken, deren Zwischenräume offengelassen worden sind und so bemerkenswert viel Licht in die Räume dringen lassen. Thermisch von der Außenwelt durch eine eingestellte, polygonale Glasfassade getrennt, verstärkt gerade dieses Detail den Eindruck, man befinde sich in einer Mauer und betrachtet die Welt aus der Sicht einer sich sonnenden Eidechse.
Hat man dieses "Wandinnere" durchmessen, so erreicht der Gast schließlich einen intensiv bewachsenen Innenbereich, dessen intime Qualität an die eines klösterlichen Kreuzgangparadieses heranreicht. Hier nimmt die eigentliche Erschließung der Grotte ihren Ausgang. Ein vielleicht 1,5 m breites Betonband, das die spiralförmige Architektur der Oberfläche strudelartig weiterführt, zieht den Neugierigen tief hinab in die tektonische Unterwelt.
1957 lies sich der belgische Comic- Autor und Hergé- Mitarbeiter Edgar P. Jacobs von den Lava- Höhlen der Azoren inspirieren. Sein Held, Professor Mortimer, gelangte entlang einer solchen Vulkanröhre zu dem sagenhaften Atlantis. Mythologisch naheliegend, denn nach Plato sollen die Azoren die Bergspitzen des untergegangenen Kontinents sein. Es ist beeindruckend, wie dieser unergründliche Tiefensog hier architektonisch umgesetzt wurde.
Robert Mehl, Aachen