Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Formel 1 Rennstrecke Schanghai
Typ:
Rennstrecke, Tribünen
Ort:
Schanghai [Karte]
Staat:
VR China
Architekt:
Tilke GmbH 🔗, Aachen
Materialien:
Beton, Betonfertigteile
Publiziert:
BFT 04/2005
Seiten:
6 - 12
Inhalt:
[Artikel]  [2]      
 

Fertigteile in der Formel 1

Beton auf der Zielgeraden

Noch nie sind weltweit so viele neue Rennstrecken für die Formel 1 geschaffen worden wie in der letzten Dekade: Zu den zehn Neubaustrecken rund um den Erdball kommen noch unzählige Sanierungen und Erweiterungen bestehender Anlagen dazu. Ob in Malaysia, Bahrain oder in China, alle Rundkurse haben eines gemeinsam: Sie wurden von dem deutschen Architektur- und Ingenieurbüro Tilke entworfen, geplant und realisiert. Die erforderlichen Tribünenreihen werden dabei ausschließlich aus Betonfertigteilen errichtet. Besonders interessant: In China und in Japan dienen Betonfertigteilpfähle der eigentlichen Rennstrecke als Untergrund.
Wenn Michael Schumacher mit seinem Ferrari über den fast 5,5 km langen Rundkurs von Schanghai rast, wird ihm wohl kaum bewusst sein, dass dieser auf einer dichten Matrix von 40.000 Betonfertigteilpfählen ruht. Dem Nagelbett eines indischen Fakirs nicht unähnlich, wurden die
25 x 25 cm messenden Pfähle eng aneinander 25 m tief in den morastigen Untergrund getrieben. Die im letzten Jahr eröffnete Rennstrecke liegt etwas nordwestlich der chinesischen Metropole: im Bezirk Jiading, einem sumpfigen Gebiet im Mündungsdelta des Jangtsekiangs. Das dort anstehende Erdreich, so beschreibt es ein Mitarbeiter des Ingenieurbüros Tilke in Aachen, gleicht einem „angestockten Pudding“, in den man so gerade eben nicht mehr versinkt.
Die Bodenvoraussetzungen für den Fuji- Speedway in Japan waren in dieser Hinsicht ähnlich: Auch dort kamen die Erdstäbe zum Einsatz.
Die Pfähle bestehen aus zwei jeweils 12,5 m langen Teilen, die in zwei aufeinanderfolgenden Schüssen mit einer Ramme in den Boden getrieben wurden. Dabei besitzen die beiden Teile einmal am Kopf und einmal am Fußende Stahllaschen, mittels derer sie nach dem ersten Schuss mit Schweißpunkten zusammengeheftet wurden. Danach wurde der Vortrieb bis zur vorgesehenen Gründungstiefe fortgesetzt.
Die Köpfe der Pfähle schließen bündig mit der Oberkante einer 50 cm starken Drainageschicht aus Kies ab, auf der eine Ausgleichsschicht aus Flugasche eingebracht wurde.
Zur Modellierung des Höhenreliefs wurde darauf eine bis zu 7 m starke Schicht aus EPS- Blöcken „errichtet“, insgesamt mehr als 343.000 Kubikmeter. Dieser Mengenbedarf war so enorm, dass der geschlossenporige Hartschaum auf dem gesamten asiatischen Markt zeitweilig ausverkauft war. Erst darüber wurde der eigentliche Straßenbelag aufgebaut.
War es bei den Gründungspfählen zweifelsohne der bemerkenswert große Mengenbedarf, der keine andere Wahl als Betonfertigteile zuließ, so hatte bei den Tribünen noch ein zweiter Aspekt eine gewichtige Bedeutung: Die durchgehende Qualität der Sichtbetonoberflächen, die sich in einem vergleichbaren Umfang in der Form nicht mit Ortbetonschalungen erreichen ließen. Zudem legt das international operierende Ingenieurbüro größten Wert auf einen einheitlichen Qualitätsstandard all seiner gebauten Objekte rund um den Erdball. Signifikant finden die Ingenieure den direkten Zusammenhang zwischen den Kosten für die Arbeitskräfte und der Verwendung von Fertigteilen. Während in Europa, Japan oder auch in den USA häufig auch die Unterkonstruktionen wie Stützen oder Treppenbinder als Fertigteile zur Ausführung kommen, gelten Länder wie China oder Bahrain als geradezu „ortbetonverliebt“. Elementierung und Vorfertigung ist dort in allen Gewerken oft nicht rentabel, da der logistische und planerische Mehraufwand die Kosten für aufwändigere Einzelanfertigungen vor Ort selbst in hohen Stückzahlen um ein Vielfaches übertrifft.
Zur Ausführung kam bei diesen Projekten deshalb eine Mischbauweise: Alle flächigen oder sichtbaren Bauteile wie Decken oder Tribünenstufen wurden als Fertigteile hergestellt. Dagegen wurden tragende Elemente wie Stützen, Binder oder Sägeträger in Ortbeton errichtet. Bei den Decken kamen sowohl Filigran-, wie auch Spannbetonhohlelemente zum Einsatz.
In China und Japan ist die Erdbebensicherheit darüber hinaus ein zentrales Thema, bei dem eine konservative Haltung bezüglich „tradierter“ Bautechniken von Seiten der einheimischen Bauverantwortlichen überwiegt. Auch wenn die festgelegten Anforderungen durch eine Unterkonstruktion oder eine Gründung aus Fertigteilen zu erzielen gewesen wäre, so ist es nicht opportun, so zu verfahren: Starke emotionale Gründe spielen dagegen.
Immerhin gilt für die Tribünen des Fuji- Speedway in Japan, dass die Gebäude ein Erdbeben der Stärke 8 auf der Mercalliskala unbeschadet zu überstehen haben und bei einer Stärke von 10 das sichere Verlassen des Veranstaltungsortes noch gewährleistet sein muss.
In Schanghai, dem chinesischen Standort, galt es dagegen, Gebäude nur gegen ein Erdbeben der Stärke 6 abzusichern. Allerdings machten die Behörden für die Tribünenanlage aufgrund ihres besonderen Stellenwertes einen höheren Wert, nämlich 7 zur Auflage.
In Bahrain gibt es keine Anforderungen an die Erdbebensicherheit. Trotzdem ist der Standort gekennzeichnet durch extreme Umweltbedingungen: Durch die Insellage des Stadtstaates am persischen Golf sind die Bauwerke einerseits der salzigen Seeluft ausgesetzt, andererseits müssen sie genauso dem heißen und sandigen Wüstenklima trotzen. Ferner resultiert aus beiden Bedingungen ein häufiger, teilweise sehr starker Winddruck, der in Form von Sandstürmen zu massiven Sandlasten auf den Dächern und Tribünen führen kann. Er muss als so genannte Schneeersatzlast in den statischen Berechnungen berücksichtigt werden. Dem besonderen Klima mussten die Planer mit verstärkten Bewehrungen und größeren Betonüberdeckungen Rechnung tragen. So galt es, an den Gründungen eine Überdeckung von mindestens 7,5 cm zu gewährleisten und von 5 cm für alle aufgehenden Bauteile. Lediglich bei den Fertigteilen durfte aufgrund der besonderen Oberflächengüte der Wert noch einmal um 1 cm verringert werden. Auch hier zeigt sich wieder ein deutliches Argument für die Vorfertigung von Betonbauteilen.
Robert Mehl, Aachen