Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Eastsite
Typ:
Stadtquartier
Ort:
Mannheim [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Fischer Architekten 🔗, Mannheim
Materialien:
Architekturbeton-Fertigteile
Publiziert:
Beton Bauteile 2016
Seiten:
18 - 19
Inhalt:
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Ein Interview mit Fischer Architekten

Innovativ sein mit integralem Fertigteilbau

 
Wie viele Projekte haben Sie insgesamt auf der Eastsite realisiert?
Derzeit ist das elfte im Bau, die Eastsite VIII.
Worauf geht das Eastsite- Projekt zurück? Fußt es auf einem städtebaulichen Wettbewerb?
CF: Jein (lacht) Das Stadtentwicklungsprojekt Eastsite war die bauliche Resonanz auf die berühmten »neuen Märkte«, das Web 1.0 der Nuller- Jahre. Damals hatte sich eine große Mannheimer Medienagentur das dortige Eckgrundstück ausgesucht, ein Bolzplatz befand sich damals dort. Sie überzeugte die Stadt von dessen Umnutzung und ein entsprechender Architekturwettbewerb wurde ausgelobt. Das war das MeKo und diesen Wettbewerb habe seinerzeit ich gewonnen – damals war ich noch so etwas wie Einzelkämpfer. Leider hat diese Agentur das Objekt, das speziell auf ihre Ansprüche zugeschnitten war, nicht lange genutzt: Knapp vier Wochen nach dessen Fertigstellung ging sie insolvent. Der Bauherr, die Landesentwicklungsgesellschaft LEG, hat es damals sehr spannend gefunden, diese Kombination aus Betonfertigteilen und integrierter Gebäudetechnik. Zudem war es damals – 1999 – das zweite oder dritte Gebäude in Europa mit einer Betonkernaktivierung, damals noch ohne Geothermie.
Aber das Areal ist doch deutlich größer als ein Bolzplatz!
CF: Hinter dem Bolzplatz schloss sich damals eine Jugendverkehrschule an, auf die ein Autohof folgte. Und daneben war das Gelände der Fachhochschule der Bundeswehr samt dazu gehörigen Parkplätzen. Die Verlegung des Bolzplatzes markierte stadtplanerisch den Startschuss der Eastsite. Ich fand es damals sehr schade, dass niemand an die Weiterentwicklung des Gebietes dachte. Die ursprüngliche Planung sah lediglich vor, dass eine Ringstraße, der heutige Harrlachweg, angelegt wird. An dieser sollten noch ein typischer Baumarkt und ein Drive- In- Restaurant entstehen – eine typische, gewerbliche Vorstadtsituation. 1999 stellte ich dem Mannheimer Oberbürgermeister meine Vision der Eastsite vor. Er pflichtete mir bei und ein städtebaulicher Wettbewerb wurde ausgelobt, den ich ebenfalls mit meinem Büro gewinnen konnte.
War Ihr Büro von vornherein so ganzheitlich wie heute aufgestellt?
DW: Wir sind erst mit dem Mediengebäude zum Beton- Sandwichbau gekommen. Sandwichkonstruktion deshalb, weil es uns darum ging, Sichtbetonwände zu erhalten, die aber auch akzeptable Dämmwerte aufweisen. Und es war in der Entstehungszeit des MeKo, dass man allgemein begann, in Fertigteile Haustechnik zu integrieren. Wir wuchsen da quasi mit hinein.
CF: Dieser Ansatz des integralen Planens – alles von vornherein zu berücksichtigen und nicht nach und nach zu machen, den leben wir tagtäglich. Mit Christoph Köhler habe ich einen Partner unserer Generalplanergesellschaft, der Stockwerk GmbH, der nicht nur ein Generalplaner, sondern auch ein ausgewiesener Gebäudetechniker und Energiespezialist ist. Bei dem MeKo- Projekt haben wir das erste Mal kooperiert, 2003 gründeten wir gemeinsam eine Gesellschaft, weil wir merkten, dass es sehr gut am Markt angenommen wird, wenn man schon in einer sehr frühen Planungsphase sehr eng und vernetzt zusammenarbeitet. Von vornherein war es uns ein Anliegen, Technik in Betonfertigteile zu integrieren, weshalb Sie bei uns so gut wie nie abgehängte Decken sehen!
Was sind für Sie die Vorteile von Betonsandwichkonstruktionen?
DW: Wir sind schon Betonfans, wir sehen die Vorteile von Sichtbetonoberflächen in deren Langlebigkeit, deren Speichermasse und dem Werterhalt der Gebäude.
Gehen sie soweit, dass Sie in Ihre Betonsandwichelemente auch schon gleich Elemente des Ausbaus, wie etwa Fenster einsetzen?
CF: Nein, soweit gehen wir nicht, dafür sind diese beim Transport viel zu stark gefährdet, wohl aber bereiten wir die Öffnungen etwa mit den erforderlichen Kabelanschlüssen für den Einbau vor – und hier sind wir schon wieder bei der integralen Planung! Wir brauchen auch kein Aufmaß vor Ort mehr, weil die Fertigteile so präzise sind, dass man sie nur noch einhängt und die Verbindungen zusammenklipst. Das heißt, dass man die Fenster bestellen kann, ohne dass ein Aufmaß gemacht werden muss. Mit der vorgefertigten Präzision lässt sich enorm viel Geld sparen!
DW: Wir bauen teilweise extrem filigrane Fertigteile und haben so oft Montagezustände, die kaum etwas mit deren finalem Tragverhalten zu tun haben. Deshalb benötigen wir Transportstützen, die, durch die Öffnungen geführt, die Betonbauteile fixieren.
Was fasziniert Sie so an Betonfertigteilen?
DW: An Betonfertigteilen schätzen wir nicht nur, dass sie seriell und sehr günstig sind, sondern dass durch die Vorfertigung auch sonst nicht realisierbare Formen möglich sind. Wir sind nicht nur sehr frei in der Formgebung, wir können im Werk auch die Oberflächen in einer ungeahnten Bandbreite bearbeiten. Fertigteile sind Bauelemente, die eine extrem freie Gestaltung zulassen – wenn man sich auf die konstruktionstypischen Eigenschaften einlässt! Das reizen wir aus: Wir beschränken uns auf die eine Bauart, in dieser wollen wir aber innovativ sein!
Herr Fischer, Herr Wirtgen, wir danken für das Gespräch!
Robert Mehl, Aachen