Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Revitalisierung des Innenhafens
Typ:
Stadtentwicklung
Ort:
Duisburg [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
div. (z.B.Herzog de Meuron 🔗)
Materialien:
teilweise Altbausanierung
Publiziert:
01/2011
Seiten:
84 - 87
Inhalt:
[Artikel]      
 

Revitalisierung Duisburger Innenhafen

Seehafen mit Leuchtturm

Das gesamte Ruhrgebiet wird derzeit von einem vehementen Strukturwandel geprägt. Duisburg als dessen zentraler Hafen ist in besonderer Weise davon betroffen. Das realisierte Umnutzungskonzept schafft nicht nur attraktive Anreize für die Wirtschaft sich hier niederzulassen, es ist auch aus denkmalpflegerischer Sicht bedeutsam.
Der Duisburger Innenhafen ist im Grunde ein toter Rheinarm und hat, obwohl auch die Altstadt an ihm liegt, schon lange keinen praktischen Nutzen mehr: der eigentliche, entsprechend „Außenhafen“ genannte Umschlagplatz liegt rund zwei Kilometer weiter westlich und ist tatsächlich einer der bedeutendsten Binnenhäfen Europas. Dank der tief ausgebaggerten Fahrrinnen kann er sogar von größeren Küstenschiffen angelaufen werden und gilt als Seehafen.
Ursprünglich lag Duisburg an der Mündung von Rhein und Ruhr. Allerdings führte um 1200 n. Chr. ein starkes Hochwasser zu einer Verlagerung des Rheines und damit auch der Ruhrmündung. In der Folgezeit entstanden, vornehmlich forciert von der Duisburger Kaufmannschaft, zahlreiche Hafen- und Kanalprojekte im nahen Stadtumland. Es dauerte aber noch gut 600 Jahre, bis zwischen 1826 und1832 der mittelalterliche Stadtkern über den so genannten Rhein- Kanal mit demselben wieder verbunden wurde. In einem zweiten Schritt wurde der Kanal zwischen 1840 und 1844 weiter nach Osten bis hin zur Ruhr verlängert. Dieser Abschnitt wurde Ruhr- Kanal genannt und ist heute ein wesentlicher Bestandteil des Innenhafens. Die neuerliche Verbindung wurde kaum 50 Jahre später mit dem Niedergang der Ruhrschifffahrt allerdings wieder aufgegeben und in den Jahren 1889-1893 wieder zugeschüttet. So bekam der Innenhafen weitgehend seine heutige Form.
Auslöser für diese Entwicklung war die Expansion der Eisenbahn, welche zu dieser Zeit das gängige Transportmittel für Schwerlasten geworden war. Mit der Verlagerung der Warenströme auf die Schiene wechselten auch die Produkte. Waren es bis zum Ende der 1880er Jahre vornehmlich Grubenholz und Kohle, die im Duisburger Innenhafen umgeschlagen wurden, so siedelte sich nunmehr die Mühlenindustrie mit ihren Mahlwerken und Getreidespeichern hier an. Der Innenhafen wurde zum Zentrum des deutschen Getreidehandels und galt bis zum Zweiten Weltkrieg als die „Kornkammer des Reviers“. In der Nachkriegszeit verlor der Standort jedoch massiv an Bedeutung, und den alten Getreidespeichern drohte in den 1970er Jahren weitgehend der Abriss.
Gerettet wurden die Bauten letztendlich durch das Aufkommen eines kritischen und substanzbewahrenden Denkmalpflegebewusstseins in jener Zeit. Gab es zuvor nur Lehrstühle für Baugeschichte, so wurden nun erstmals auch Lehrgebiete für Denkmalpflege an den deutschen Hochschulen eingerichtet. Architekturfotografen wie Bernd und Hillu Becher reüssierten mit Aufnahmen von Industriebauten, namentlich von Fördertürmen, die nun auch unter ästhetischen Gesichtspunkten wahrgenommen wurden. Den finalen Anstoß für den Erhalt der Industriebauten am Innenhafen gab jedoch die internationale Bauausstellung im Ruhrgebiet, die von 1990 2000 währte. Letztendlich machte die so genannte „IBA Emscher Park“ Industrie zur Kultur und diese einer breiten Masse zugänglich. Bekannteste Vertreter dieser Industriekultur sind die Zeche Zollverein in Essen sowie das Gasometer in Oberhausen.
In Duisburg wurde im Rahmen der „IBA Emscher Park“ der Landschaftspark Duisburg- Nord unter Einbeziehung der ehemaligen Stahlhütte Meiderich realisiert. Dabei wurde ein ehemaliges Hochofenwerk zu einem allgemein zugänglichen Industriepark umgenutzt. Die Revitalisierung des brachliegenden Innenhafens fußte zwar letztendlich auf damals entwickelten Grundkonzepten, begann aber eigentlich erst später. So hatte der britische Stararchitekt Lord Norman Foster bereits 1994 den bis heute gültigen Lageplan entworfen.
Sein Konzept sah vor, einen Dienstleistungspark zu entwickeln, mit der Zeile der Speicher- und Mühlengebäude auf der Südseite des Hafenbeckens als städtebaulichen Kern. Diese „Speicherstadt“ sollte in multifunktionale Gebäude für Gastronomie, Büros und Museen umgenutzt werden. Als zentrales Element wünschte sich Foster schon damals die Sanierung und die Umnutzung der Küppersmühle zu einem Museum. Weitere Projektziele waren die Entwicklung eines Parks nahe der Altstadt mit einer Wasseranbindung sowie ein Hafenstaudamm im Osten, gliedernd wirkende Grachten im Süden und Gebäudezufahrten von deren Rückseite. Zusätzlich sah der damalige Rahmenplan die Schaffung eines jüdischen Gemeindezentrums, ein Altenpflegeheim und rd. 300 Wohneinheiten vor. Tatsächlich sind diese Ziele in den letzten 15 Jahren weitgehend umgesetzt worden.
Umfeld
Der Portsmouth Damm war unter den ersten Projekten, die im Zuge der Revitalisierung des Innenhafens 1999 realisiert wurde. Der Damm verbindet das Nord- und das Südufer des Hafenbeckens und trennt dasselbe in eine Ost- und in einer Westhälfte. Letztere ist der so genannte Holzhafen, der auch eine Marina und eine Anbindung zum Rhein aufweist. Die östliche Wasserfläche ist dagegen ein halbwegs stehendes und völlig abgetrenntes, weil schleusenloses Gewässer, mit einem etwa 4 m höheren Pegelstand. Gegliedert wird die südliche Hafenseite durch schmale Kanalarme, die orthogonal nach Süden von der großen Wasserfläche abgehen. Zwei davon sind über 150 m lang und reichen über den parallel zum Hafenbecken verlaufenden Philosophenweg hinweg bis weit in die anschließenden Areale hinein, die eine Wohnbebauung aufweisen. Der Philosophenweg ist als Anliegerstraße ausgebaut und dient gleichsam als rückwärtige Zufahrtstraße zur Zeile der ehemaligen Speichergebäude am Rand des Hafenbeckens. Die erwähnten Wohneinheiten folgen dem Weg als Blockrandbebauung bzw. in Nord- Süd- Richtung jeweils dem Verlauf der kreuzenden Grachten. Mit ihnen wurde ein großer Anteil der im Rahmenplan ausgewiesenen Wohneinheiten geschaffen.
Küppersmühle
Wenngleich am östlichen Rande des Innenhafens gelegen, ist die ehemalige Küppersmühle mit dem heute darin angesiedelten Museum das emotionale Zentrum des ganzen Quartiers. Das ursprünglich 1890 errichtete, über 42 m hohe Gebäude wurde 1972 stillgelegt und war fast 25 Jahre sich selbst überlassen. In einer ersten Ausbauphase sanierte 1997 das Basler Architekturbüro Herzog De Meuron die betagte Substanz und richtete das gleichnamige Museum ein. Initiator des Museumsprojekts war der Duisburger Kunstsammler Hans Grothe. Seine Sammlung umfasst etwa 800 Werke von mehr als 40 Künstlern, darunter Beuys, Immendorff und Baselitz. Durch die Zusammenführung dieser Sammlung mit derjenigen des Sammlerpaares Ströher, die seit 2004 das Museum leiten, entstand ein enormer, zusätzlicher Platzbedarf. Im November 2008 entschied sich deshalb der Museumsbetreiber, die Stiftung für Kunst und Kultur e.V. in Bonn, für eine Erweiterung. Mit deren Umsetzung wurde erneut Herzog De Meuron im Rahmen eines Direktauftrages betraut. Der neuerliche und sich derzeit im Bau befindliche Entwurf ist durch einen großen, liegend auf den Bestand aufgesetzten Quader gekennzeichnet. Mit dieser weithin sichtbaren Gebäudezutat reagieren die Architekten auf mehrere Standortfaktoren gleichzeitig. Zum einen wird das Gebäude als Landmarke von der Autobahn A59 wahrgenommen. Diese verläuft aufgeständert unweit des Museums und passiert auch das Innenhafenbecken an dem östlichen Kopfende. Bedingt durch die prägnante Form reichen Sekundenbruchteile dafür aus, dass die Nutzer der Autobahn diese Landmarke wahrnehmen. Zum anderen greift die Baumaßnahme bis auf statisch notwendige, aber äußerlich nicht sichtbare Verstärkungen kaum in den Bestand ein. Dadurch bleibt das denkmalgeschützte, stadträumliche Umfeld von der Erweiterung weitgehend unberührt. Konstruktiv wird die Erweiterung von der äußeren Hülle geprägt sein, die aus transluzenter ETFE- Folie besteht und nachts aus sich heraus leuchten wird.
Synagoge und Park
Das jüdische Gemeindezentrum wurde nach zweijähriger Bauzeit 1999 eingeweiht. In das von Zvi Hecker entworfene Gebäude ist eine Synagoge integriert. Die Form des Zentrums erinnert sowohl an ein stehendes, aufgefächertes Buch, wie auch an einen stilisierten Stern. Die fünf radial nach außen gehenden, unverputzten Stahlbetonbögen beziehen sich vielfältig auf die jüdische Kultur und auch auf die lokale Geschichte. So hatte die Synagoge von Duisburg seit dem 13. Jh. fünf verschiedene Standorte. Letztendlich können sie aber auch als fünf Finger einer offenen Hand angesehen werden. Zudem sind einige Dächer der Synagoge begrünt und korrespondieren mit dem benachbarten „Garten der Erinnerung“ des israelischen Künstlers Dani Karavan. Dieser 3 ha große Park wurde zeitgleich mit dem Gemeindezentrum vollendet und ist durch skulpturartig inszenierte, jedoch nicht zugängliche Gebäudereste der Industriekultur gekennzeichnet. In dem Garten liegt ferner in einem ehemaligen Verwaltungsgebäude die so genannte „Galerie“;sie ist eine Außenstelle des DKM, des Duisburger Kunstmuseums.
Nordseite
Die Nordseite des Hafengeländes ist durch fünfgeschossige Bürogebäude gekennzeichnet, die kontinuierlich seit der Jahrtausendwende entstanden sind. Allen gemeinsam ist ein freistehender, blockhafter Charakter mit einer Abstandsfläche zur Nachbarbebauung. In der formalen Ausführung und in der Architektursprache gehen die Objekte jedoch weit auseinander. Das östliche Ende der Gebäudezeile wird von einem großen, derzeit sich noch im Bau befindlichen Parkhaus markiert. Gemessen an der aktuellen Parkplatznot im Innenhafen ist diese Nutzung mehr als sinnvoll. Auch wäre die Schaffung von Büroflächen hier wenig attraktiv gewesen: die Gebäudezeile liegt direkt an der erwähnten, aufgeständerten Autobahn.
Westlich des Portsmouth Damm befindet sich an der Nordseite des Hafenbeckens derzeit eine große Brache. Hier soll demnächst mit dem Eurogate ein weiteres Hochbauprojekt von Foster entstehen. Dieses bis zu zehngeschossige Gebäude soll in einer Halbellipse der Rundung folgen, die das Hafenbecken hier aufweist. Nach Westen schließt sich schließlich an die freie Fläche ein fünfzügiger Verwaltungsbau von Nicolas Grimshaw an, das den Namen „FiveBoats“ trägt. Tatsächlich erinnert dessen abgerundeter Grundriss an fünf Boote, die an einem Steg festgemacht sind. Westlich findet das neue Businessquartier am Wasser seinen Abschluss an der Schwanentorbrücke. Südlich schließt sich das Duisburger Zentrum an.
Fazit
Das auf dem städtebaulichen Entwurf von Lord Norman Foster basierende Umnutzungskonzept des Duisburger Hafens muss den Vergleich mit dem etwa zeitgleich entstandenen Düsseldorfer Medienhafen etwa 30 km rheinaufwärts nicht scheuen. Während dort vor allem auf große Namen wie Frank O. Gehry gesetzt wurde und der Ort zunehmend mehr zu einem Amalgam mitunter narzisstisch anmutender Solitärarchitektur geriet, wurde in Duisburg weit mehr Wert auf Pflege und Erhalt von vorhandener Bausubstanz gelegt. Tatsächlich prägt diese heute weitgehend das Erscheinungsbild des Hafengeländes. Dass der Duisburger Innenhafen zudem durch die Erweiterung des Museums Küppersmühle eine moderne Landmarke erhält, die selbst von der Autobahn aus Aufmerksamkeit auf das Quartier lenkt, ohne den historischen Speicherstadtcharakter zu zerstören, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Robert Mehl, Aachen
Der östliche Hafenteil, hinten die Autobahn A59
Östlicher Hafenteil, Südseite, künstlicher Hafenarm
Östlicher Hafenteil, Nordseite, mittlere 2 Baublöcke
Der Bürokomplex „Five Boats“ von Nicolas Grimshaw
Westlicher Hafenteil, Blick gen Osten
Westliche Hafenteil, Philosophenweg, Museum DKM
Jüdisches Gemeindezentrum & Synagoge von Duisburg-Mülheim
Westlicher Hafenteil; Blick gen Ost: „Garten der Erinnerung“ von Dani Karavan