Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Herz-Jesu-Kirche
Typ:
Glockenturm
Ort:
Westerstede [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Ulrich Recker 🔗, Westerstede
Materialien:
Betonfertigteile
Publiziert:
BFT 03/2017
Seiten:
30 - 33
Inhalt:
[Artikel]      
 

DUHA Fertigteilbau GmbH

Glockentürme in Fertigteilbauweise

Die DUHA Fertigteilbau GmbH fertigt unter anderem Glockentürme im Ganzen als monolithische Betonfertigteile in ihrem Spannbetonwerk in Haselünne und liefert diese per Schwertransport an. Gleich zweimal kurz hintereinander geschah dies nun für zwei unterschiedliche Projekte: Ende 2015 in Köln- Bickendorf und im Frühjahr 2016 in Westerstede bei Oldenburg.
Gotteshäuser werden immer leerer, auch die Zahl der Priester nimmt ab. Die christlichen Kirchen in Deutschland sehen sich gezwungen, ihre Gemeinden zusammenzufassen und überzählige Sakralbauten zu profanieren. Gleichzeitig müssen aber die Kirchenbauten, die oft nicht viel größer als die aufgegebenen sind, an den erhöhten Andrang angepasst werden. Denn oft sind es allein pragmatische Erwägungen, die entscheiden, in welchem Bau weiterhin der Gottesdienst gefeiert wird: Welche Kirche liegt zentraler? Welche besitzt die bessere Bausubstanz?
Oft fällt die Wahl auf Kirchen, die bislang keinen Glockenturm besaßen, die nun aber, da sie das Zentrum einer größeren Gemeinde werden, um eine entsprechende Landmarke ergänzt werden sollen. Nicht selten kommt ein integratives Element hinzu: Wenn die profanierten Kirchen etwa Glocken besaßen, wird es von den Gemeinden begrüßt, wenn neben den Altarreliquien auch diese vom verbleibenden Gotteshaus übernommen werden.
Kubischer Campanile
So geschah es auch zunächst Ende 2015 bei der evangelischen Kirche in Köln- Bickendorf und knapp ein Vierteljahr später bei der katholischen Kirche in Westerstede in Oldenburg. Tatsächlich ging dem Projekt in Norddeutschland eine fast dreijährige Planung voraus. In Köln war der Fertigteilhersteller aus dem Emsland vom Kölner Architekturbüro Lepel & Lepel beauftragt worden. Dieses sollte die St. Epiphanias- Kirche ertüchtigen und sie um einen freistehenden Glockenturm, einen sogenannten Campanile, ergänzen. Die Planer entwickelten hierfür einen monolithisch erscheinenden Turmkörper, der aus großformatigen, winkelförmigen Betonfertigteilen besteht. Separiert werden diese Elemente von durchgehenden Fugen, die nach allen vier Seiten jeweils ein lateinisches Kreuz formen. Hierbei wurde der obere senkrechte Teil der Kreuzfuge auf allen vier Seiten um einige Zentimeter breiter ausgeführt, da diese als Schallöffnungen dienen. Die L-förmigen Winkel der oberen Turmhälfte umschließen einen Hohlraum, welcher der Aufnahme der Glocken dient. Nach oben abgeschlossen wird der Campanile von einem pultdachförmigen Betondachelement, das noch einmal seinen kubischen Charakter betont. Im Vergleich zum Glockenturm in Westerstede fällt jener der Kölner St. Epiphanias- Gemeinde zwar, aber er erhielt durch seine aufwendig gestockte weiße Oberfläche und das „Kreuzfugenbild“ eine besondere Note.
Straßen als Dekor
Die Herz- Jesu- Kirche in Westerstede war knapp fünf Jahre zuvor aufwändig saniert und zu einer Großgemeindekirche aufgewertet worden. Die fusionierte Kirchengemeinde wünschte sich eine architektonische Entsprechung in einem neuen, zusätzlichen Glockenturm, dessen Architektur jedoch das Klangbild des Glockengeläuts nicht durch Schallschatten dämpfen oder verfremden sollte.
Für die Form und die Anordnung der Schallöffnungen hatte der Architekt Ulrich Recker abstrakte Darstellungen des Gemeindestraßenbilds gewählt. Dabei entspricht die Form der schmalen, einschnittartigen Öffnungen der perspektivischen Lage im Ort, quasi so, als schaue man auf dem Turm stehend auf das Straßenbild hinunter, das die jeweilige Himmelsrichtung bietet. In der Werkplanung wie in der Fertigung galt es diese expressiven Formen umzusetzen. Um das Gesamterscheinungsbild nicht zu beeinträchtigen, sollten stabilisierende Konstruktionen innerhalb der Schallöffnungen möglichst unscheinbar ausfallen. Zudem durften die Schwingungslasten sich so wenig wie möglich auf den Stahlbetonkörper übertragen.
Das verantwortliche DUHA- Team entschied sich daher zusammen mit den Planern der DUHA Fertigteil GmbH, Schöck Combar- Glasfaserstäbe als Bewehrungsergänzung einzusetzen. Diese besitzen neben ihren statischen Eigenschaften den Vorteil, dass sie vollkommen korrosionsbeständig sind. So liegen sie offen in den Schallöffnungen und geben den freien Betonvorsprüngen Halt. Den ästhetischen Vorstellungen des Architekten folgend, sind sie in ihrer Schlankheit vom Boden aus praktisch kaum zu erkennen.
Schwere Konstruktion - elegant gelöst
Im Werk wurde die 57 t schwere und knapp 20 m hohe innere Turmkonstruktion, bestehend aus innen liegendem Stahlfachwerk und zwei Fertigteilzwischendecken, vormontiert und schließlich zur Baustelle transportiert. Vor Ort wurde die Konstruktion binnen drei Tagen aufgestellt, da verkehrstechnisch nur eine kurzfristige Straßensperrung genehmigungsfähig war. Im Rahmen dieser Montage wurden auch die vorgehängten Wandplatten sowie die Unterkonstruktion des Stahlbeton- Satteldachs montiert. Der Turm steht auf einer annähernd quadratischen Grundfläche 3,47 m auf 3,22 m und erreicht mit seinem Dach eine Gesamthöhe von 22 m. Es handelt sich um eine Flachgründung mit vier Köcherfundamenten, die in biegesteife Eckstützen überleiten und damit das Stahlfachwerk aussteifen. Die erste Zwischendecke befindet sich in 3,29 m Höhe und liegt auf einer Ausklinkung auf, hier verjüngen sich auch die Stützen. Die zweite Zwischendecke befindet sich auf einer Höhe von 12,23 m, und das Dach beginnt schließlich bei 18,37 m. Als Anschlusspunkte für das Stahlfachwerk erhielten die Fertigteilstützen etwa alle 2 m Stahlplatten, an die jeweils das vorgefertigte Stahltragwerk angeschweißt wurde. So entstand der 57 t schwere Rohbaukörper, der im Werk nur mit Hilfe einer Schwerlasttraverse und von Portalkranen bewegt und schließlich auf einen Schwertransporter verladen wurde.
Betontechnik
Die Stahlbeton- Skelettkonstruktion des Turmes wurde aus C35/ 45 mit BST 500A hergestellt. Um eine möglichst helle Sichtbeton- Oberfläche zu erreichen, wurde in der Betonrezeptur Dyckerhoff Weiß Zement plus Aufheller verwendet. Die ästhetische Erscheinung der Fertigteilwandscheiben mit ihren zahlreichen Öffnungen konnte im Bereich der durchgehenden Bewehrung durch den Einsatz von Schöck Combar- Stäben 20 mm gewahrt werden. Die Fertigung erfolgte, indem die Betonbauer zunächst mit aufwändig erstellten Schalungskörpern die geplanten Öffnungen aussparten und sodann die 9 m langen Combar- Stäbe durch die gesamte Bewehrung und diese Schalungskörper führten. Nur so konnte eine lagegerechte Positionierung der Bewehrung in allen Öffnungen sichergestellt werden. Neben den Glasfaserstäben erfolgte die Bewehrung der Betonfertigteile mit Einzelstäben aus BST 500A. Das mit der Stahlbeton- Skelettkonstruktion verschweißte Stahlfachwerk wurde in ST37 gefertigt und anschließend pulverbeschichtet. Zur Beschleunigung des Projektes und der Genauigkeit wegen erfolgten Zusammenbau und Verschweißen im Fertigteilwerk.
Tatsächlich musste die gesamte Planung akribisch vom Schalungsbau über die Fertigteilproduktion und den Einbau des Stahlfachwerkes bis hin zur Montage durchgeplant sein - und das bei einem Bauteil, das am Ende ein Gesamtgewicht von 125,5 t aufweist.
Robert Mehl, Aachen
http://www.bft-international.com