Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Atelier Dsquadra
Typ:
Bürogebäude
Ort:
Madrid [Karte]
Staat:
Spanien
Architekt:
Dsquadra Group, Madrid
Materialien:
Innenraumgestaltung: Holz, Farbe
Publiziert:
DBZ 10/2006
Seiten:
50 - 55
Inhalt:
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Innenarchitekturbüro in Madrid/E

Ironie und Wandel

Überwiegende Aufgabe von Innenarchitekten ist es, Gegebenes zu gestalten. In Madrid hat ein Büro nun den Wandel mit Versatzstücken zur Formulierung neuer Kontexte zum Firmen- Credo erhoben. Nicht ohne Humor.
Grün ist die Farbe der Hoffnung. Nicht nur. Grün ist vielmehr die Farbe der Natur. Diese ist für Eva Almohacid vor allem aber eine Künstlerin des Wandels und der Anpassung. Dieselbe Umschreibung findet die Chefin von Dsquadra ebenfalls zutreffend für ihr eigenes kreatives Selbstverständnis. Das Büro liegt am vielbefahrenen Innenstadtring im zwar recht baumreichen, nichtsdestotrotz aber eher naturfernen Zentrum von Madrid. Wenigstens in Form von Pflanzen und Farbe sollte Mutter Erde einen weiteren Ort in der spanischen Kapitale bespielen dürfen. Schließlich empfindet sie es als deutlich schwieriger, Räume mit der Farbe Grün zu gestalten, denn mit einem anderen Kolorit. Zusammengezählt gibt es also drei gute Gründe für die Farbe Grün: Eine Parallele, einen Wunsch und eine Herausforderung.

Gestaltung mit einem Schuss Ironie

Beachtet der aufmerksame Passant die Aufforderung an der verspiegelten Eingangstür "Please do disturb" und entert das Büro, so findet dieser sich mitnichten in einer grünen Spielhölle für Gestaltung wieder: der vielleicht 50 m² große Einraum im Erdgeschoss ist genauso weiß gehalten wie die circa
30 m² große Empore, die das etwa 6 m hohe Volumen im oberen Bereich füllt.
Das Grüne kommt subtiler daher, in Form von zahlreichen Pflanzen. Wenige in Töpfen, viele an Tröpfen. Platziert in umgenutzten Prospekthüllen, welche an der Wand befestigt wurden, werden sie allesamt mittels medizinischem Tropf bewässert. Das mag einerseits ungemein bequem sein, kann aber auch als diskreter Hinweis auf unsere Verantwortung gegenüber Mutter Natur gelesen werden.
Im Luftraum vor der Empore hängt zudem ein objektartiges Soffittenensemble, das mit grünen Leuchtstoffröhren bestückt ist. Letztendlich überstrahlt diese Beleuchtung unsere Wahrnehmung und hinterlässt im Rückblick den Eindruck, sich an einem irgendwie grünen Ort befunden zu haben.
Die weiße Flächenfarbe ist Sinnbild für ein leeres Gefäß, das immer wieder neu mit den maßgeschneiderten Konzepten für die Lösung der Kundenwünsche gefüllt wird. Gleichzeitig soll der Raum aber auch das Wesen eines Planungsbüros wiedergeben. Dieses wird in der Zwischenwelt der Planung verortet. Nicht mehr Idee, aber auch noch nicht fertiggestellt. So wurde das Unfertige, der architektonische Arbeitsprozess jedoch nicht ohne Ironie zum kreativen Thema erhoben: Maßketten, welche Lichtschalter, Türgriffe und Steckdosen dimensionieren, wurden als Dekor auf die Wände appliziert. Statt einen Treppenschoner zu montieren, wurde einfach ein großes Gebinde weißer Epoxid- Estrich über der Vertikalerschließung ausgeschüttet. Allein unter dem Einfluss der Schwerkraft floss dieser alle Stufen hinab und erstarrte.
Schließlich wurde mit einem einfachen umlaufenden grünen Band entlang einer Betonstütze und einem Unterzug der niedrige Kelleraum so beeindruckend wie schlicht zu einem repräsentativen Besprechungs- und Präsentationsraum aufgewertet. Die farbige Fläche umfasst den Ort nunmehr wie ein Bilderrahmen ein Gemälde und setzt den Gast förmlich in Szene.
Mit ihren unprätentiösen Lösungen will die Innenarchitektin bewusst mit Seh- und Nutzungsgewohnheiten brechen und die Kunden für Neues und Unerwartetes öffnen. Gerne wird aus diesem Grund ein arg zugeknöpfter Interessent in den "Think- Tank" geführt. Der Inspirationsraum ist ein umfunktioniertes und nunmehr halbschwebendes, handelsübliches Gartenhaus aus einem Baumarkt. Außen weiß gestrichen und innen ausgelegt mit Matratzen, wird das Gespräch dann in einer loungeartig-informellen Atmosphäre geführt. Die Überzüge der Matratzen, wie auch die der Kissen, wurden aus einer ehemaligen, großformatigen Werbeplane geschneidert. Mit Versatzstücken desselben Materials sind auch die Toiletten tapeziert worden, da das Material nicht nur gestalterisch überzeugt, sondern auch noch abwaschbar ist.
Bei der Gestaltung ihres Büros ging es der Planerin um zwei Kernaussagen: Mitnichten soll Architektur für die Ewigkeit bestimmt sein, sondern sich evolutionär einer permanenten Überprüfung und Anpassung stellen und dieses formal auch kommunizieren. Ferner muss eindrückliches Design nicht teuer sein. Beides ist ihr bemerkenswert sinnfällig gelungen.
Robert Mehl, Aachen