Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Diözesanarchiv (ehem. St. Paul)
Typ:
Archiv
Ort:
Aachen [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Schoeps & Schlüter 🔗, Münster
Materialien:
Publiziert:
SBD 01/2019
Seiten:
56 - 63
Inhalt:
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Neues Diözesanarchiv des Bistum Aachen

Sicher bewahren

Das Bistum Aachen hat eine frühere gotische Saalkirche zu ihrem neuen Diözesanmuseum umgebaut. Der von der eigenen Bauabteilung entwickelte Entwurf ist ein Haus-im- Haus- Konzept, bei dem ein dreigeschossiger Quader das Langhaus einnimmt.
"Was für eine sinnfälligere Umnutzung kann es geben, als in einer ehemaligen Kirche das neue »Gedächtnis« des Bistums unterzubringen?", fragt Peter Schumacher, Architekt in der Bauabteilung des Bistums Aachen. Im Zuge der stark sinkenden Anzahl der Gläubigen war 2009 die im Stadtzentrum gelegene Pfarrkirche St. Paul profaniert worden. So konnte er leicht seine Vorgesetzten für deren Umnutzung einnehmen.
Schumacher und seine Kollegen entwickelten rasch die inzwischen umgesetzte architektonische Idee eines Haus-im- Haus- Konzeptes im ehemaligen Kirchenhauptschiff, angelegt als quaderförmige Sichtbetonkörper. Seitenschiffe und Chor der früheren Kirche sollten hingegen als weitgehend leer erhalten bleiben und diesen Kern mantelartig umhüllen.
Mit der Ausführungsplanung wurde das Münsteraner Architekturbüro Schoeps und Schlüter beauftragt. Das Büro hatte bereits 2010 für das Bistum Essen die ehemalige St. Christopherus- Kirche im Stadtteil Kray zu einem Archiv umgebaut. Doch anders als in Aachen war dort die ganze Kirche aus dem Jahr 1964 entsprechend umgewandelt worden.
Keine leichte Sache
Moderne Archive arbeiten mit Rollregalsystemen, die eine hohe Lagerdichte zulassen. In Aachen wurden auf nur zwei Lageretagen bei 25 m Gesamtlänge des gesamten Neubaukörpers und einer Breite wie Höhe von jeweils etwa 10 m annähernd 5.000 Regalmeter geschaffen. Für ein normales Bürogebäude werden in der Regel Flächenlasten zwischen 1,5 - 2 KN/m² angenommen, hier wurden 10 KN/m² veranschlagt – eine mehr als fünfmal so hohe Last. Dieser galt es, Herr zu werden und gleichzeitig behutsam mit dem Bestand umzugehen. Die Ursprünge der Kirche an der Jakobstraße reichen bis ins 12. Jhd. zurück, ihr Untergrund gilt als Bodendenkmal. Obwohl der Bau im Zweiten Weltkrieg durch einen kraterbildenden Bombentreffer im Innenraum weitgehend zerstört wurde, entschied man den Untergrund so wenig wie möglich zu stören. Um Streifenfundamente zu vermeiden, wurde die Fundamentierung in zwei voneinander unabhängige Systeme aufgeteilt: Das Erdgeschoss des Archiveinbaus ruht auf einer Flachgründung, die Außenwände und die Last der beiden Obergeschosse hingegen ruhen auf jeweils 18 cm starken Mikropfahlgründungen. Vorteil hiervon war eine weitgehende Vermeidung von Störungen undokumentierter Gräber, sie waren so nahe an den historischen Pfeilerfundamenten nicht zu erwarten. Tatsächlich stieß man im östlichen Hauptschiff auf ein mit Ziegelsteinen überwölbtes Grab. Auch dieses blieb bewusst ungeöffnet, stattdessen erhöhte man den gesamten Archivfußboden um 12 cm. Zur Vermeidung einer Grabbeschädigung durch die erhöhte Bodenkompression, kofferte man zudem die neue Erdgeschossbodenplatte darüber aus.
Das eigentliche Archiv erstreckt sich über zwei Ebenen und ist in vier Brandabschnitte aufgeteilt, westlich vorgelagert befindet sich ein Treppenhauskern mit Aufzug. Auch um Gewicht zu sparen, gibt es keine Geschossdecke als Zwischenebene, sondern nur eine Gitterrostlage, die zwischen den massiven Stahlträgern eingehängt sind, auf denen die Rollregalschienen verlaufen. Vorteil dieser "Boxenbauweise" ist eine Erhöhung des Raumvolumens und damit verbunden die Stabilisierung des natürlichen Raumklimas.
Verwaltung sitzt über allem
Die besonders wertvollen Bestände sind im 1. OG in einem vollklimatisierten Sonderarchiv untergebracht. Dort angeordnet, konnte der erforderliche Technikraum gleich im 2. OG platziert werden. Dies ist eigentlich die Büroetage – die Sondernutzung an der östlichen Stirnseite erkennt man vom Kirchenraum aus an seinen mattierten Fensterscheiben.
Da ein Schlagregenschutz hier nicht erforderlich war, konnte die Fassade der Büroetage aus naturbelassenen, scharfkantigen Vollholzprofilen erstellt werden. An diese ist eine bodenhohe Festverglasung angeschlagen. Gegliedert wird die Fensterfront durch schmale Fensterlisenen, die mit undurchsichtig-blauen Gläsern bestückt sind. Es sind herkömmliche Fensterflügel, die auf einer festverglasten Brüstung sitzen. Sie dienen einer individuellen Bürobelüftung.
Kirchgang der besonderen Art
Erschlossen wird das neue Archiv nicht über das repräsentative Portal auf der südlichen Kirchenlängsseite, sondern über das alte Westportal. Über den weiterhin bestehenden Kirchenvorraum gelangt man zum neuen Treppenhaus. Für gewöhnlich verschlossene Sicherheitstüren führen von hier unmittelbar auf die Archivebenen. Steigt man die Treppe ganz nach oben, gelangt man in die Verwaltung. Hier findet sich auch ein Leseraum, den jeder interessierte Bürger nutzen kann, um Unterlagen einzusehen. Zweifelsohne erhält das neue Diözesanarchiv damit auch eine sehr einladende Facette: Hier kommt man gerne hin, um sich in Vergangenem zu vertiefen.
Robert Mehl, Aachen