Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Cocoon Club
Typ:
Diskothek, Lounge-Club, Event-Gaststätte
Ort:
Frankfurt/M. [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
3deluxe 🔗, Wiesbaden
Materialien:
Betonfertigteile, Trockenbau, Lichtinstallationen
Publiziert:
DBZ 12/2006
Seiten:
98 - 103
Inhalt:
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Werkstattbericht 3deluxe

Information in Form

3deluxe verstehen sich als ein Crossmedia-think-tank. Großen Wert legen sie darauf, dass die verschiedensten Disziplinen nicht nur in einem Haus vereint sind, sondern auch auf Augenhöhe miteinander agieren. Es gibt keine Königsdisziplin, der die anderen dienen.
Planer, seien es nun Interiordesigner im weitesten Sinne oder Hochbauarchitekten, bilden zwar die größte Fraktion innerhalb des über 30-köpfigen Teams, doch beileibe besitzen sie nicht die Vormacht im Hause. Einträchtig arbeiten im kreativen Bereich nebeneinander Grafiker und Produktdesigner, Webdesigner, Filmproduzenten und Architekten. Die Allgegenwart von Kommunikation bezieht sich jedoch nicht auf die beneidenswert engmaschige Vernetzung verschiedenster Kompetenzen unter einem Dach, sondern vielmehr auf die Vision an sich. Mit ihren Ideen will 3deluxe sensibilisieren und inspirieren. Dabei ist die Form der Realisierung für diese Spin- Doktoren des Visionären zunächst nachrangig. Sie unterscheiden nicht, ob sie eine neue Form eines Kalenders entwickeln, ein nonverbales Buch erzeugen oder einen halbvirtuellen, halbrealen Raum generieren. Es geht grundsätzlich um die Atmosphäre und um die Stimmung, die sie erzeugen wollen. Diese Stimmungen werden ganzheitlich im Hause komponiert. Steht eine solche erst einmal fest, so ist es nicht mehr schwer, für alle Beteiligten dieses Ideal in die jeweiligen Fachbereiche wie etwa Architektur, Grafik- oder Webdesign zu transferieren.
Der hehre Leitsatz "form follows function" zählt im Hause der Gestalter, bemerkenswerterweise ein gründerzeitlicher Altbau, nicht viel. Freimütig gestehen sie, dass es ihnen nicht darum geht formal zu zeigen, dass die Wand die Decke trägt, vielmehr streben sie etwas an, das sie als "emotional design" bezeichnen. Die eingangs erwähnte Ganzheitlichkeit bezieht sich in diesem Zusammenhang auch auf die Absicht, im Idealfall gleich alle fünf Sinne des Nutzers auf einmal anzusprechen. Generieren lässt sich diese umfassende Wahrnehmung jedoch nur, wenn sämtliche atmosphärisch wirksamen Elemente in die Planung mit einbezogen werden, auch die rein dekorativen - sei es nun eine Lichtinstallation oder ein rein skulpturales Element. Vielleicht lässt sich die Notwendigkeit des atmosphärischen Ornamentes mit dem Würzen einer Speise vergleichen. Im Unterschied dazu ist jedoch in der Kochkunst das Würzen so selbstverständlich und anerkannt wie das Ornamentale in der Baukunst verpönt.
Tatsächlich liegt den Wiesbadener Entwerfern das Interieurdesign besonders am Herzen. Für sie wendet sich Innenarchitektur unmittelbar an den Menschen. Hochbauarchitektur ist häufig zu stark auf eine Außenwirkung bedacht. Dies kann natürlich nützlich für eine spätere Vermarktung des Objektes sein. Oft hat aber eine signifikante Hülle wenig mit den Notwendigkeiten der Nutzer gemein und das exzentrische Bauwerk muss durch eine aufwändige Haustechnik gezähmt werden.
Nichtsdestotrotz sind 3deluxe gerade durch ihre expressiv-biomorphe Formensprache bekannt geworden. Es sind diese kaugummiartigen Diagonalstützen, Genetics genannt: eine dynamisch fließende Form, die entfernt an ein Knochengerüst erinnert. Den Räumen, die sie schaffen, wohnt etwas Fließendes inne. Bemerkenswerterweise haben die Wiesbadener Kreativen eigentlich kein großes Interesse, ihre derzeit charakteristischen Freiformen als Markenzeichen zu tradieren. Viel wichtiger ist Ihnen, dass die gestalterische Dichte, die Komplexität und die Verspieltheit der Information als Leitfaden ihres Werkes wiedererkannt werden.
So geschehen auf der Schweizer Nationalausstellung im Jahre 2002 in Biel. Ein unwissender Kameramann war vom Fernsehen beauftragt, das dortige 3deluxe Projekt abzufilmen. Im Angesicht der Mixed- Media- Inszenierung im Innern des Cyberhelvetia- Pavillon mutmaßte er sofort, dass es sich um die gleichen Gestalter handeln müsste, die zwei Jahre zuvor auf der EXPO in Hannover für die Jugendmedienwelten "Scape" verantwortlich zeichneten. Dabei ähnelten sich die beiden Ausstellungskonzepte nur wenig. Gemeinsam war ihnen allein die Idee, die Realität mit virtuellen Mitteln zu erweitern.

Die Anfänge

Die Keimzelle von 3deluxe entstand im Jahr 1992. Sie bestand aus den frisch diplomierten Grafikdesign- Absolventen und Zwillingsbrüdern Andreas und Stephan Lauhoff und dem Innenarchitekten Nikolaus Schweiger.
Sie einte die gemeinsame Leidenschaft für die damals noch in den Kinderschuhen steckenden "Neuen Medien" und das Interesse am Konsum elektronischer Musik. Ihre ersten Jobs erhielten sie von Clubbesitzern. Sollten sie zunächst nur Flyer für den Club selber oder für besondere Themenabende gestalten, so entwickelte sich die Sache relativ schnell weiter in Richtung eines homogenen Gesamtkonzeptes, das auch die Einrichtung des Ortes mit einbezog. Das erste in dieser Weise realisierte Projekt war der Club "Der Mensch verlässt die Erde" in Wiesbaden, obwohl dessen Raumausstattung noch von dem externen Designer Dieter Brell entworfen worden war. In der Folgezeit intensivierte sich jedoch die Zusammenarbeit zusehends, so dass Brell schließlich bei 3deluxe einstieg und zum vierten Kopf der Gestaltertruppe wurde.
Angetan von der avantgardistischen Formensprache, der gezielten Verwendung innovativer Bühnentechnik und "Neuer Medien", wurde 1996 die Frankfurter Messe GmbH auf das Wiesbadener Team aufmerksam. Sie beauftragte die Gestaltung eines loungeartigen Sonderausstellungsbereiches: "Neue Räume" wurde auf ausgewählten Messen zum Eigenmarketing der Messegesellschaft aufgebaut und erregte unter anderem die Aufmerksamkeit des Musiksenders MTV.
Von hier an riss die Perlenkette des Erfolges nicht mehr ab: Es folgten Studios und Messestände für MTV, die Jugendmedienwelten auf der EXPO 2000 in Hannover, der Cyberhelvetia- Pavillon auf der Schweizer Nationalausstellung 2002 in Biel und 2004 der bekannte Cocoon Club für Sven Väth in Frankfurt/M.
2006 waren sie mit der Inszenierung der Abschlussshow der Fußballweltmeisterschaft betraut. Unverkennbar trugen die im Marathontor des Berliner Olympiastadion aufgebaute Bühne, das Siegerpodest und der Pokalsockel die Handschrift der Wiesbadener Designer.
Von Anfang an war ein großes Problem eine hochqualitative und entwurfsnahe Umsetzung der experimentellen Entwürfe. Um dieses zu gewährleisten, setzte man früh auf den Aufbau eines Netzwerkes von geeigneten Subunternehmen und ausführenden Firmen. 1999 wurde mit der system modern GmbH eine Projektsteuerungsgesellschaft geschaffen, deren Aufgabe nicht zuletzt darin besteht, diesen losen Verbund professionell zu koordinieren. Ihr Geschäftsführer Peter Seipp komplettiert das Führungsquintett des Kreativ- Konglomerates aus 3deluxe und system modern.

Der Cocoon Club

An der für den Techno- DJ Sven Väth entwickelten Kombination aus Diskothek, kuscheligem Wohlfühlort und kulinarischem Genusstempel sind die Intentionen der Wiesbadener Gestalter besonders gut ablesbar. Während in der klassischen Architektur Planer stets bemüht sind, Räume zu definieren, geht es 3deluxe bewusst um die Auflösung des materiellen Ortes mittels Licht. Die real vorhandenen weißen Strukturen sind dabei nur als erste Informationsebene zu verstehen. Sie werden mit einer zweiten Informationsebene aus Licht bespielt. Diese besteht aus grafischen-bewegten Bildsequenzen, die jeweils individuell für die Projektionsfläche entwickelt worden sind. Die Überlagerung erzeugt eine interferenzartige Dynamik, die vom Auge nicht mehr zugeordnet werden kann. Alles scheint im Fluss zu sein. Gerne geben die Designer zu, dass diese Wirkung mit den gewählten Formen besonders leicht fällt.
Das interdiziplinäre Zusammenspiel bei 3deluxe kann an der ebenfalls von ihnen entwickelten Website des Clubs unter "http://www.cocoonclub.net" ermessen werden. Es handelt sich hierbei um eine eigenständige interaktive Umsetzung der emotionalen Vision mit den im Web zu Verfügung stehenden Möglichkeiten. Die Seite ist aufgebaut wie ein Spiel und gestattet dem surfenden Besucher, artifizielle Animationen abzurufen oder mit einem grafischen Werkzeug individuelle Sounds zu generieren. Erstaunlich dabei ist, wie präzise diese Seite die Atmosphäre des Frankfurter Clubs umschreibt, ohne wirklich detailliert auf den konkreten Ort einzugehen.

Die Ästhetisierung der Information

Als Inspirationsquelle dient den Designern oft die grafische Strukturierung der gegebenen Information. Beispielhaft hierfür ist ihr Beitrag für eine bekannte Kalenderreihe. 3deluxe lösten sich dabei von einem zweidimensionalen Blattkonzept und entwarfen einen setzkastenartigen Pappkörper, in den zwölf flache Quader eingeschoben werden. Das Jahr wurde in Form einer dreidimensional konstruierten Spirale visualisiert, unterteilt in zwölf Abschnitte, den Monaten. Auf den entsprechenden Boxen wurden nun Ausschnitte des Gesamtbildes, die den jeweiligen Monatsabschnitt zeigen, aufgedruckt. Die Boxen können puzzleartig so aneinander gelegt werden, dass die gesamte Spirale wieder entsteht. Im Setzkasten angeordnet, bilden sie jedoch keine zusammenhängende Struktur, sondern wirken wie willkürlich biomorph bedruckte Versatzstücke. Der aktuelle Monat wird mit der "Rückseite", die eine in Tageseinheiten unterteilte Spirale zeigt, nach vorne in den Rahmen gesteckt. Die drei Doppelseiten dieses Artikels zeigen diesen Kalender im Hintergrund.

Architektur und Information

Die Verknüpfung von Information und Gestaltung findet man bei 3deluxe auch in der Architektur wieder. Ob reale Materie oder eine digitale Laserprojektion: alles wird zu einem Informationsträger.
In ihrem aktuellen Projekt und erstem konstruktiven Hochbau, einem Showroom für einen bekannten Glashersteller in Bad Driburg, kehren sie das bisherige Prinzip allerdings um: Keine starre weiße Materie mehr, auf die ein animierter Lichtstrahl fällt. Diesmal werden die Visuals permanent auf den Scheiben einer sechs Meter hohen Glasfassade fixiert. Für die Bewegung sorgt nunmehr die Natur mit ihrem vielfältigen Wechselspiel des Lichtes und dem Lauf der Sonne.
Die für jedes Element individuelle farbige Bedruckung nimmt sowohl Elemente des sichtbaren Landschaftsabschnittes auf, wie auch Sequenzen der sich in dem Glas spiegelnden Innenarchitektur: 3deluxe-typische Freiformen, die expressiv durch den Raum mäandern.
Entsprechend den natürlichen Spiegeleffekten und den wechselnden Tageslichtverhältnissen findet ein Wechselspiel statt zwischen den aufgedruckten Motiven und den Reflexionen des Innenraumes, den Konturen der Landschaft sowie den veränderlichen Wolkenformationen. Überlagerungseffekte treten auf, welche die Wahrnehmung des "Außen" beständig modulieren. Die Intention ist bekannt: Auch hier gerät der vorhandene Raum in seiner Begrenzung ins Vage. Wieder entsteht eine spürbare emotionale Dichte durch die Ästhetisierung gegebener Informationen. Diesmal sogar ohne Strom. 3deluxe unplugged wenn man so will.

Die Betonung des Sinnlosen

"Unsere Formensprache ist sicherlich auch die 'Betonung des Sinnlosen'. Es geht uns nicht darum, dass die Wand die Decke hält, sondern wir möchten mit unserer Architektur sensibilisieren und inspirieren." Dieses provokative Zitat von Dieter Brell darf aber nicht als ein Bekenntnis zur Dekadenz gewertet werden: Formal sinnlos ist eben nicht gleich gehaltlos. Brell führt weiter aus, dass es sicherlich ein Privileg ist, in einer Gesellschaft zu leben, die einem durch die weitgehende Sicherstellung der Grundversorgung die Möglichkeit gibt, den Wunsch nach einem "Mehr" zu entwickeln. Den Umstand, dass es nun die Kunst und mithin Gestalter gibt, die versuchen mit ihrer Arbeit Antworten auf dieses Bedürfnis anzubieten, ist für ihn schlichtweg eine logische Folge. Die beeindruckende öffentliche Resonanz sowohl von Kritikerseite, wie auch durch den unbefangenen Nutzer bestätigen seine Ansicht. Offensichtlich ist das "Sinnlose" nicht überflüssig. Es herrscht ein großer Bedarf nach Inhalten, auch wenn man sie nur spüren und nicht artikulieren kann.
Tatsächlich gelingt es 3deluxe, Information und Inhalte in Form emotionaler Verdichtung wie einen Baustoff real zu nutzen. Letztlich ist dieses für unser anbrechendes Informationszeitalter nur konsequent und eine formal adäquate Umsetzung.
Bemerkenswert ist, dass dieser sehr bewusste Umgang mit Information und deren gestalterische Einbindung weder Züge moderner noch postmoderner Architektur enthält. Einen ähnlichen Ansatz findet man auch bei Daniel Libeskind und seinem Jüdischen Museum in Berlin. Er leitete die Form seines Bauwerks aus einem Liniennetz ab, das er aus der Verknüpfung von jüdischen Adressen in Berlin generierte. Visionär könnte man in diesen Werken auch die Ansätze einer zukünftigen informationsbasierten Bauepoche erkennen. Die Ironie daran ist, dass wir zwar vieles, aber genau das nicht wirklich wissen.
Robert Mehl, Aachen