Projektart:
Anfrage:
Objekt:
CMP - Center for Mobile Propulsion
Typ:
Hochschulinstitut
Ort:
Aachen [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Materialien:
Stahl, Beton, Glas
Publiziert:
DBZ 10/2014-1
Seiten:
52 - 59
Inhalt:
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Forschungszentrum CMP, RWTH Aachen

Architektur als Kontrastmittel

Unter der Leitung des Instituts für Verbrennungskraftmaschinen der RWTH Aachen haben sich 16 Institutionen zusammengeschlossen und ein „Center of Mobile Propulsion“ errichten lassen. Die Forschung zu neuen Motoren wird immer komplexer und fachübergreifender betrieben. Das erfordert eine hochflexible Konzeption der Büroflächen und Labore.
Das geforderte Raumprogramm für das neue Institut auf dem verhältnismäßig überschaubaren Grundstück unterzubringen, war eine der Herausforderung dieser komplexen Bauaufgabe. Hierzu hatte der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB) vor rund sieben Jahren einen Wettbewerb ausgelobt, an dem 24 nationale und internationale Architekten unter anderem auch Zaha Hadid Architects teilnahmen. Die meisten Büros versuchten den örtlichen Gegebenheiten entsprechend, die unterschiedlichen Funktionen in einem Gebäudekörper zu verbinden. Durchsetzen konnte sich ein Konzept, dass auf die unterschiedlichen Anforderungen der Forschungsbereiche, Lehre, Verwaltung und theoretische Entwicklung einerseits und den Werkstattbereichen und Prüfständen auf der anderen Seite mit zwei extrem unterschiedlichen Gebäudetypen reagierte. Gewonnen haben und letztendlich auch als Generalplaner für den Bau beauftragt wurden Lepel & Lepel mit ihrem Konzept einer formalen Inszenierung eben dieser funktionalen Gegensätze.
Kontrast als Stilmittel
In den Prüfständen des Center of Mobile Propulsion werden auch die Motorprototypen vieler internationaler Automobilhersteller diversen Tests unterzogen, oft sogar gleichzeitig und nur durch Laborwände getrennt. Hier sind höchste Sicherheits- und Geheimhaltungsstandards geboten. Dazu muss der Bau die immensen mechanischen Schwingungen aufnehmen können, die mehr als ein halbes Dutzend gleichzeitig laufende Motoren erzeugen. Der Verwaltungs- und Seminarbau hingegen ist transparent, lässt natürliche Blickbeziehungen nach außen zu, ist nach dem neuesten Stand der Technik dezentral vernetzt und dabei hochflexibel zu nutzen. Die sich daraus ergebenden Anforderungen sowohl an die Rohbaukonstruktion, als auch an den technischen Ausbau würden sich nur mit einem unverhältnismäßig hohen Planungs- und Kostenaufwand in nur einem Gebäude umsetzen lassen. Viel einfacher erschien es hingegen, zwei Gebäude zu errichten, welche die unterschiedlichen Funktionen abbilden. Aus dieser Erkenntnis heraus ergab sich fast von allein das architektonische Konzept der Bildung von Gegensatzpaaren. Für die stimmige architektonische Umsetzung bot sich eine formale Überhöhung des Themas in Form von Schwarz- Weiß- Kontrasten an. So wurde das Laborgebäude rigide geschlossen und als schwarzer lang gestreckter Quader angelegt, der Verwaltungsbau daneben hingegen als im Grundriss dynamisch geschwungene viergeschossige Bürolandschaft. Die Fassade besitzt einen hohen Glasanteil und auf Höhe der Geschossdecken durchlaufende weiße Horizontalbänder. Die Planer legten in den Büros Wert auf eine farbliche Reduktion, sie legten die Wände weiß und den Teppichboden überwiegend schwarz an. Selbst in den Laboren findet sich dieses Spiel der Kontraste. Hier sind nur Wände schwarz und der Epoxidharzboden weiß - ein Detail, das subtil zu einer erhöhten Reinlichkeit animieren und gleichzeitig Leckagen im Leitungssystem sichtbar machen soll.
Weg durch das Gebäude
Der Verwaltungsbau besitzt die Form eines abgerundeten „Z“, an dessen nördlichen Schenkel der schwarze Laborquader über einen schmalen eingeschossigen Verbindungsbau anschließt. Die beiden parallelen Verwaltungsflügel sind über das Obergeschoss brückenartig miteinander verbunden. Darunter liegt die Zufahrt zum Betriebshof. Im Parterre des nach vorne orientierten Gebäudeteils wurden für den allgemeinen Lehrbetrieb Seminarräume und ein Vorlesungssaal angeordnet, weshalb der Flügel auch von außen zugänglich ist. Der Haupteingang des Instituts liegt unterhalb der Obergeschossbrücke, im den Seminaren zugewandten Gebäudeteil. Die allgemeine Verwaltung sowie die wissenschaftlichen Büros liegen im Obergeschoss. In der mittigen Gebäudeverbindung im Obergeschoss befinden sich alle Einheiten, welche die Mitarbeiter regelmäßig nutzen: das Sekretariat, die Cafeteria und das Archiv. Die Büros hingegen sind zu den Gebäudeköpfen orientiert.
Büroplanung
Ursprünglich war eine Folge von 4-Personen- Büros ausgeschrieben und es waren nur wenige Einzelbüros für den Professor und die Oberingenieure gefordert. Hier konnte das Büro Lepel & Lepel den Auftraggeber von seinem diversitären Konzept überzeugen. Es berücksichtigt, dass verschieden große Arbeitsräume die vielfältigeren und damit flexibleren Nutzungsmöglichkeiten abbilden, da die Nutzung hier projektbezogen immer wieder für neue, unterschiedlich große Arbeitsgruppen variiert werden kann. Planerisch ist dabei von Vorteil, dass sich so die Verkehrswege erheblich verkürzen. So wurde in beiden Verwaltungsflügeln vor Kopf jeweils nur ein großes Viererbüro untergebracht, kleinere Gruppen- und Einzelbüros liegen in den Gängen davor. Bewusst wechseln die Architekten innerhalb der Verwaltungsebene auch das Erschließungssystem vom Ein- zum Zweispänner. Der Übergang der beiden Flursysteme liegt in der besagten Geschossbrücke ebenso wie die Cafeteria.
Dieser Erschließungswechsel wirkt gezielt wie ein „Nadelöhr“, bei dem es immer wieder zu Begegnungen kommt. Hier befinden sich in den Aufweitungen des Flures auch die offenen Teeküchen, die den Austausch und die Kommunikation fördern. In den innen liegenden Bereichen des Doppelflursystems haben die Architekten auch zwei unterschiedlich große Besprechungsräume platziert. Geschosshohe Glaswände mit erhöhtem Schallschutz trennen diese von den Fluren, bei Bedarf können sie zudem mit Vorhängen blickdicht geschlossen werden.
Zonierte Betonkernaktivierung
Konstruktiv wurde der Bürobau in Stahlbetonbauweise erstellt, bei der die Geschossdecken von eingestellten Rundstützen getragen werden, die vorgehängte Fassade übernimmt dabei keine statischen Funktionen. In die Ortbetondecken wurde eine thermische Bauteilaktivierung (BTA) als Aktivzonenmodell integriert. Dabei wurden die Heiz-/Kühlschleifen in Fassadennähe erheblich näher an der Deckenunterkante verlegt als in den mittigeren Gebäudezonen. Tatsächlich arbeitet die BTA, die zum Heizen und sommerlichen Kühlen der Räume hinzugezogen wird, so deutlich effizienter.
Quellluftböden
Da infolge der BTA eine abgehängte Decke für die haustechnische Versorgung nicht infrage kam, arbeiteten die Planer mit einem Hohlraumbodensystem. In diesem werden nicht nur alle elektrischen und elektronischen Leitungen geführt, die über Bodentanks zugänglich sind, es wird darüber auch die mechanische Belüftung der innenliegenden Räume erreicht. Die Luftzufuhr erfolgt über Quellluftböden, das heißt über besonders luftdurchlässige Teppichböden, anstatt der bekannten Bodengitter. Es war eine gewisse Herausforderung, einen Bodenbelag zu finden, der sowohl als Bahnenware, Schwerlastfliese als auch als Quellluftteppich eine identische Optik besitzt und zu dem innenarchitektonischen Farbkonzept der Architekten passte. Die Planer suchten nach einemTeppich, dessen Muster gerichtet ist, so dass es synchron zu den unter der Decke montierten Akustikbaffeln und Pendelleuchten verläuft. Ein Unterfangen, das trotz einer intensiven Bemusterungphase zunächst erfolglos blieb und letztlich in einer Neuentwicklung mündete. In der Firma Carpet Concept fand man einen geeigneten Hersteller, der den Bodenbelag nach den technischen Voraussetzungen und nach individuellen Designwünschen in den erforderlichen Ausführungsvarianten herstellt.
Parallele Ausstellfenster
Neue Büroräume der RWTH Aachen sollen grundsätzlich eine natürliche Belüftung aufweisen. Lepel & Lepel sahen hierzu ein Fassadenkonzept vor, bestehend aus einer brüstungsfreien geschosshohen Festverglasung und einer alternierend dazu schmaleren, geschlossenen Fläche. Diese geschlossenen Fassadenbereiche sind Parallelausstellfenster (PAF), welche aus einem Sandwichpaneel bestehen. Damit ein Hinausstürzen unmöglich ist, können die PAF maximal 12 cm vor die Fassade gefahren werden. Dabei fungiert das entsprechende Ausstellscherensystem als zusätzliche Sturzsicherung. Die Bauweise erlaubt einen kompletten Verzicht auf Brüstungen sowie auf zusätzliche Geländer. Zudem haben Strömungsversuche nachgewiesen, dass mit dieser Art einer umlaufend offenen Belüftung ein deutlich besserer Luftaustausch zu erreichen ist, als mit einem normalen Kippfenster. Ein weiterer Vorteil ist die geschlossene Ausführung der Lüftungselemente. So kann bei entsprechender Besonnung hinter der starren Festverglasung eine innen liegende Sonnenschutzlamelle herab gefahren werden, ohne dabei den Luftwechsel zu stören.
Flexibilität durch Fassade
Die Fassade besteht aus einer geschossweise leicht verspringenden Abfolge der schwarzen PAF und der Festverglasung. Dabei ist die Haustechnik so dezentral angelegt, dass jede Fensterachse separat angesteuert werden kann, auch wenn mehrere Segmente nur einen Raum belichten. Auch der Rohbau gibt keine Achsen vor, die zwingend für die Positionierung von Innenwänden sind. Damit können theoretisch zwischen jeder Fensterachse beliebig große oder kleine Räume geschaffen werden.
Mehr Flexibilität geht nicht!
Robert Mehl, Aachen