Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Auditorio de Tenerife
Typ:
Opernhaus
Ort:
Santa Cruz de Tenerife [Karte]
Staat:
Teneriffa / Spanien
Architekt:
Santiago Calatrava 🔗, Zürich
Materialien:
Beton, Stahl, Keramik
Publiziert:
DBZ 06/2004
Seiten:
38 - 41
Inhalt:
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Die Oper von Santa Cruz auf Teneriffa/E

Gebaute Anziehungskraft

Mit dem neuen Opernhaus, das Santiago Calatrava am Hafen der kanarischen Hauptstadt Santa Cruz errichtet hat, wurde der Insel Teneriffa nicht nur ein beeindruckendes Wahrzeichen sondern auch eine neue Ikone der Architektur gegeben.
Vorzugsweise möchte man sich von der Existenz dieses Gebäudes vor Ort überzeugen, so unerhört ist sein Abbild. Dabei geht seine Ausstrahlung weniger von der organischen Form aus, die Santiago Calatrava zur Umsetzung des geforderten Raumprogrammes fand, sie rührt vielmehr von der Existenz eines gewaltigen Bogens: Er ist so funktionslos wie schön. Fast mag man seine Realisierung als dekadent bezeichnen, tatsächlich ist das Halbrund kalkulierter Luxus: Bewusst wurde hier ein beträchtlicher Anteil der Bausumme investiert, allein um Emotionen zu erzeugen. Das Ungleichgewicht zwischen Aufwand und Nutzen rechnet sich jedoch. Für ein neues Opernhaus würde man nicht unbedingt nach Teneriffa reisen, für diesen Bau schon.

Annäherung

Noch ist die größte der kanarischen Inseln vom Flugzeug aus als Ganzes zu erfassen, da entdeckt man den charakteristischen Bügel des Auditoriums auf Höhe der Küstenlinie. Nach einer langgestreckten Rechtskurve wird das Gebäude kurz vor der Landung direkt überflogen. Es liegt in der Einflugschneise zum Flugplatz Teneriffa Nord. Aus der Luft erscheint es jetzt wie ein riesiger weißer Pfeil, der den Weg zur Rollbahn weist.

Gestalt & Material

Die weiße Architektur ruht auf einer mit schwarzem Basalt verkleideten Basis. Sie dient als Tiefgarage und als Schutz vor den Launen der See. Kern des Baus ist die große Konzerthalle. Ihre Position wird durch eine eiförmige Betonkuppel definiert, an die sich ein großer Quader anschließt: Das Bühnenhaus. Schützend um diese beiden Bauteile legen sich zwei nach innen gewölbte Wandscheiben. Den kantigen Körper geschickt verdeckend, geben sie den Blick von Norden auf die Kernhülle frei. In etwa 5 m Höhe gliedert eine Terrassenebene den Bau in eine schiffsartige Sockelzone und die darauf aufgesetzte biomorphe Struktur. Der alles überragende Halbbogen wurde auf dem Festland separat produziert und per Schiff auf die Insel gebracht. Die massive Spitze wurde vor Ort an die hohle Spannbetonkonstruktion anbetoniert. Das Gebilde ruht auf drei Auflagerpunkten. Im hinteren Bereich sind es zwei massige Betonkonsolen, zur Mitte hin eine diskrete Stahlstütze. Diese durchdringt die innere Betonschale in deren Scheitelpunkt. Alle Untersichten des Gebäudes sind grundsätzlich in brettverschaltem Ortbeton ausgeführt. Die Regen und Witterung stärker ausgesetzten Aufsichten wurden dagegen mit kleinteilig gebrochenen, fliesenartig glasierten Keramiken belegt. Ihr unregelmäßiges Fugenbild ist weiß ausgeputzt.

Rundgang

Während die bugförmige Nordterrasse wenig einladend gegen den großen Hafenboulevard gerichtet ist, wird das achsensymetrische Gebäude über die Seiten erschlossen. Markiert werden die beiden Haupteingänge jeweils durch eine großzügige Bogenstellung. Ihre Scheitelbereiche werden als offene Balkone der Pausengalerie genutzt. Diese Zugänge werden durch jeweils 17 Holzlamellenelemente gesichert. Bei Bedarf können die 13 mittleren Einheiten wie Garagentore vollständig aufgefahren werden. Diese Stellung erlaubt eine ungehinderte Sicht unter dem Hauptkörper hindurch. Der große Freiraum ist das Hauptfoyer mit Kartenverkauf, Sektbar und dem Zugang zum Kammerspielsaal unter der Nordterrasse. Die Konzerthalle erreicht man über zwei einläufige Treppen, die eng an die innere Schale geschmiegt zur oberen Galerie führen. Jeweils auf den Treppenabsätzen zweigen seitlich die Saalzugänge ab. Die Galerie umspannt wie ein Ring das zentrale Auditorium. An einen bizarren Canyon erinnernd, füllt sie das Volumen zwischen der inneren Schale und den äußeren, gekrümmten Wandscheiben aus. Ausblicke gewähren allein die beiden langgestreckten Balkonausschnitte, jedoch sind auch beide Terrassen von hier zugänglich. Nach oben durch ein ansteigendes Oberlichtband geschlossen, wird die expressive Lobby nachts durch lichtstarke Entladungslampen, die in den gewaltigen Sporn integriert sind, taghell in Szene gesetzt. Nach einer Veranstaltung wird das Gebäude über die Terrassen und die großen Freitreppen verlassen.

Oper, Schale, Meer

Um den Vergleich mit Sydney kommt man nicht umhin. Tatsächlich besitzt dieser in sich verschachtelte Bau nur eine geringe Verwandtschaft zu den frei nebeneinander gestellten Formen von Jørn Utzon. Architektonisch geht Calatrava einen Schritt weiter: Er bricht vollends mit der Maxime des "form follows function" und errichtet ein Bauteil exklusiv für die Emotion.
Robert Mehl, Aachen