Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Stahlbrücke über die Adler
Typ:
Fußgängerbrücke
Ort:
Königgrätz [Karte]
Staat:
Tschechei
Architekt:
baum & baros architekten 🔗, Aachen-Roetgen
Materialien:
Stahl, feuerverzinkt
Publiziert:
DBZ 12/2013
Seiten:
36 - 41
Inhalt:
[Artikel]      
 

Fußgängerbrücke über die Adler in Königgrätz

Ästhetik der Geometrie – vollverzinkt

Im tschechischen Königgrätz ist eine Fußgängerbrücke über die Adler entstanden. Bei der Ideenfindung wurde bewusst auf ein Hängesystem verzichtet, um nicht den historischen Baumbestand des angrenzenden Jirásek- Parks mit einem unvermeidlichen tragenden Pylon zu überragen.
Wenn eine Stadt als Collage aus historischen Ereignissen gesehen werden will, so wird im Falle von Königgrätz - einer mittelgroßen böhmischen Stadt zwischen den Flüssen Elbe (Labe) und Adler (Orlice) - diese Metapher mehr als deutlich. Die mittelalterliche Bebauung, der Barock der Antireformation und die Fortifikationsarchitektur der josephinischen Epoche bilden eine unverwechselbare urbane Kulturlandschaft, in der nicht nur historische Ereignisse paneuropäischen Maßstabs sichtbar werden, sondern auch eine Architekturgeschichte, die in ihrer städtebaulichen und gestalterischen Qualität ihresgleichen sucht. Ihre Kontinuität, von den Bauten des Wagnerschülers Jan Kotěra und seines Zöglings Josef Gočár über die Werke der klassischen Moderne bis zu den Bauten der Gegenwart, setzt sich bis heute in nahezu unverminderter Qualität fort. Die Bezeichnung „Salon der Republik“, wie man in der Zwischenkriegszeit Königgrätz nannte, ist heute noch gültig und nahezu omnipräsent.
Hier mit einem neuen Bauwerk zu intervenieren, verlangt in hohem Maße Sensibilität, Respekt und Disziplin. Dies alles umso mehr, wenn das Vorhaben, eine zwischen dem historischen Zentrum und dem Universitätscampus gespannte Fußgängerbrücke, in eine zentral gelegene und dadurch außerordentlich sensible Umgebung integriert werden soll. Die in Aachen und Roetgen ansässige Arbeitsgemeinschaft baum & baroš ARCHITEKTEN stellte sich der Aufgabe infolge einer Initiative des tschechischen Architekten Radek Kolařík. Die Tragwerksplanung erfolgte durch die Aachener Ingenieurgemeinschaft Führer – Kosch – Jürges und das tschechische Ingenieurbüro Transconsult.
Planerische Vorgaben
Bei der Planung der Brücke spielten neben technischen, technologischen und funktionalen Fragen, auch Aspekte der Produktion, der Montage, der Ökonomie, des Unterhalts, der Ästhetik und einer langfristigen gesellschaftlichen Akzeptanz eine große Rolle. Nach sorgfältigem Abwägen aller diesen Aspekte entschieden sich die Architekten für eine leichte und elementierte Stahlkonstruktion, die die folgenden Kriterien erfüllt:
- Minimierung der Kosten durch die Wahl eines einfachen, statisch bestimmten Systems
- Einschränken der „nassen“ Bauweise vor Ort auf das notwendige Minimum (Gründung)
- Vorfertigung aller Konstruktionsteile und Wahl ihrer Abmessungen mit Rücksicht auf Korrosionsschutz durch Feuerverzinken
- Minimierung der Unterhaltungskosten durch Verzicht auf Anstriche
- Minimierung des Reparaturaufwands durch Schraubverbindungen und durch problemlosen Zugang zu allen Teilen der Konstruktion
- Schnelle und problemlose Montage sowie Verzicht auf aufwändige Hebezeuge und Hilfskonstruktionen
- Minimierung der Umweltbelastung durch maximale Entmaterialisierung der Konstruktion
Konstruktionsprinzip
Ein Hängesystem, das in solchen Fällen die übliche Wahl darstellen würde, haben die Autoren verworfen, denn eine hierfür notwendige unvermeidliche Dominante der tragenden Pylonkonstruktion hätte mitten im wertvollen Baumbestand des Jirásek- Parks eine erhebliche Beeinträchtigung dargestellt. Gewählt wurde daher eine vom Polonceau- Träger abgeleitete unterspannte Konstruktion mit einem zweiteiligen gelenkig geteilten Obergurt und einem fünfseitigen Zugpolygon im Untergurt in Form einer flachen Parabel. Zwischen dem Obergurt und dem Zugpolygon des Untergurts wurden drei druckbeanspruchte Glieder angeordnet: rechts und links des mittleren Gelenkes eine V- Stütze und unter dem mittleren Gelenk eine Stütze in Form eines gleichseitigen Dreiecks. Dieser unterspannte Träger wiederholt sich dreimal nebeneinander in einem Abstand von 2,25 m. Die Steifigkeit in der Horizontalebene wird von Distanzrohren und einer Kreuzverspannung gewährleistet.
Zur Verdeutlichung des Leichtbaus und Verminderung des Unterhaltungsaufwands wählten die Architekten als Geh- und Fahroberfläche eine transparente und durchlässige Konstruktion aus engmaschigen Gitterrostelementen von 2,25 x 0,75 m. Aufgrund der günstigen dynamischen Eigenschaften konnte auf einen Schwingungstilger verzichtet werden.
Feuerverzinken
Die ganze Konstruktion wurde komplett feuerverzinkt. Da die entsprechenden Verzinkungsbäder in der Regel ein Volumen von 2 x 2 x 7 m und nur ausnahmenweise eine Wannenlänge von mehr als 10 m erreichen, empfahl sich eine kleinteilige Elementierung. Diese Kleinteiligkeit gestattete ferner die Konzeption einer höheren Anzahl völlig identischer Konstruktionsbausteine, die schlussendlich nur anders gefügt werden mussten.
Die Architekten favorisierten eindeutig das Feuerverzinken vor anderen Korrosionsschutzverfahren. So ist eine Verzinkung in der Regel 80 μm stark und nimmt durch Verwitterung pro Jahr etwa um 1 μm ab. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass ein verzinktes Bauteil 80 Jahre wartungsfrei bleibt. Darüber hinaus verfügt eine feuerverzinkte Fläche über eine gewisse Regenerationsfähigkeit. So dunkeln Teilbereiche, in denen der Rostschutz versehentlich zerstört wurde, etwa durch das Festziehen von Schrauben, zunächst ein, gleichen sich aber im Laufe der Zeit wieder an die gräuliche Farbe der umgebenden Flächen an.
Statische und mechanische Lesbarkeit
Mit der Fertigstellung entstand eine leichte, transparente und lesbare Konstruktion, die nicht mit einem formalen Gestus auf sich aufmerksam machen will, sondern sich vielmehr mit der Sprache eines intelligenten und rationalen Konzeptes mitteilen möchte, dessen statische und mechanische Lesbarkeit auch für einen fachlich ungeschulten Betrachter nachvollziehbar bleibt. Die absolute Priorität hatte die möglichst gewaltlose Eingliederung in den Baumbestand des Jirásek- Parks und die friedliche Koexistenz mit den Resten der denkmalgeschützten Fortifikation. Somit entstand ein Objekt mit unproblematischer Funktionalität, einer homogenen und robusten Oberfläche sowie einem minimalen Unterhaltungsanspruch.
Mirko Baum, Roetgen; Robert Mehl, Aachen