Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Blue Office
Typ:
Büro- / Verwaltungsgebäude
Ort:
Bochum [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Materialien:
Betonfertigteile, Kiefernholz, Glas
Publiziert:
Beton Bauteile 2016
Seiten:
44 - 49
Inhalt:
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Bürogebäude Blue Office in Bochum

»Mehr „Blau“ wagen!«

Unweit der Bochumer Ruhr- Universität errichetete das interdisziplinär aufgestellte Architekturbüro SSP seinen eigenen Firmensitz. So architektonisch klar der Bau mit seinen streng geometrischen Details erscheinen mag, so kostengünstig war auch seine Realisation. Ein unverzichtbarer Bestandteil der Rohbaukonstruktion waren dabei Betonfertigteile, bei der Fassade war es Eternit.
Energiegerechtes Bauen ist für die Bochumer SchürmannSpannel AG, kurz SSP, nicht nur ein pauschales Einsetzen von zeitgemäßen Technologien und Dämmtechniken. Für das integral planende Architekturbüro bedeutet es vor allem, diese Möglichkeiten mit Bedacht einzusetzen. Es ist im Vorhinein genau zu prüfen, ob sich ein bestimmtes Detail langfristig rechnet und ob der entsprechende Effekt auch eine langfristige Wirkung hat; dies in Bezug auf Kosten, auf Energieeinsparung und auf CO2-Ausstoß.
Denn vielfach – so resümiert der SSP- Vorstand Thomas Schmidt – würden regenerative Energiequellen, wie etwa Photovoltaik- Anlagen, nur deshalb installiert, weil sie massiv durch den Staat bezuschusst würden. Entfiele dies, würden die zahllosen Kleinanlagen auf deutschen Dächern sich nicht rechnen.
Dies ist ein Grund, warum bei dem neuen Firmensitz von SSP diese Technologie nicht zum Zuge kam. Der Hauptgrund – und hierauf ist das Büro besonders stolz – sind die bemerkenswert geringen Baukosten für einen individuell geplanten Bürobau dieser Größenordnung in einer durchaus hochwertig zu nennenden Ausführung. Diese beliefen sich auf als 1.100 €/m²!
Gang durch das Gebäude
Um nicht nur kostengünstig, sondern auch präzise zu bauen, entschieden sich die Planer, den tragenden Betonsekelettbau weitgehend in Fertigteilen auszuführen. Die Grundrisse basieren auf einem 1,35 m Raster, allerdings wurde angestrebt, Innenraumbereiche stützenfrei zu halten. Nun umgeben die rechteckigen Vertikalträger als innerer Teil der Fassadenebene die Innenraumbereiche. Der SSP- Verwaltungsbau steht auf einem Hanggrundstück, das über die Gebäudetiefe um ein Geschoss hin zum Tal des Kemnader Ruhrstausees abfällt. Das in seinem höchsten Bereich viergeschossige Gebäudes gliedert sich auf in drei Teilbereiche: Nach Süden findet sich ein zum Quadratischen tendierende, rund 240 m² großen zweigeschossiger Flügel. In seinem Untergeschoss befinden sich die unvermeidlichen Nebenräume sowie eine halböffentliche Kantine, die auch für andere Anlieger des Gewerbegebietes Mittagstisch anbietet. Daran schließt sich das so genannte Forum an, im Grunde eine riesige Freitreppe, die entsprechend dem äußeren Terrains abfällt und so eine Art Amphitheater bildet. An seinem Hochpunkt, den Rängen, befindet sich der Haupteingang von SSP mit einem großzügigen Empfang. Das Gebäude wird bergseitig betreten, von einem vorgelagerten, firmeneigenen Parkplatz.
Der Tiefpunkt des Forums ist ein bühnenartiger Bereich, in dem einerseits Besprechungen, aber auch Vorträge gehalten werden können. Bei letzteren nutzen die Zuschauer die Freitreppe dann als Rang, auf dessen sitzbankartigen Stufen auf der Südseite man sich bequem niederlassen kann. Der Nordflügel ist schließlich viergeschossig und in der Fläche deutlich kleiner als der Bereich im Süden. Während in einer offenen Bürolandschaft hauptsächlich die Entwurfsabteilung von SSP angesiedelt wurde, sind hier die Verwaltung, aber auch die Fachingenieure des als integralen Planer auftretenden Unternehmens untergebracht.
Rohbau aus Fertigteilen
Wie schon erwähnt, ist jedes Gebäudegeschoss von einem Ring von ca. 3,20 m hohen, rechteckigen Betonfertigteilstützen umgeben. Auch die Trennwände hin zu dem im Goldenen Schnitt das Gebäude teilenden Forum bestehen aus solchen Elementen, deren Zwischenräume jeweils mit einer geschosshohen Brandschutz- Festverglasung abgeschlossen wurden. Gefertigt wurden die Fertigteile nicht in einem Werk, sondern in einer eigens eingerichteten Feldfabrik neben dem Baugrund. Nach Ihrem Auf- und Ausrichten an ihrer finalen Position wurden auf die Fertigteile ein Architrav aus Ortbeton gegossen, mit dem diese fixiert wurden.
Die Decke im Bereich des Großraumbüros besteht ebenfalls aus Betonfertigteilen. Da die Planer und heutigen Nutzer eine maximale Flexibilität anstrebten, verzichteten sie im Raum völlig auf Stützen. Stattdessen brachten sie hier 15,5 m lange Spannbetonhohldecken ein, die sie über die Gebäudeschmalseite, also von Nord nach Süd, spannten. Diese Deckenelemente liegen auf den erwähnten Ortbetonarchitraven auf.
Details »brut«
Nicht zuletzt aus den erwähnten Kostengründen machten die Planer aus der Not eine Tugend und arbeiteten mit offenen Installationen sowie weitgehend unbehandelten Oberflächen. Die nach innen gewandten Flächen der umgebenden Stützen blieben weitgehend unbehandelt, treten als Sichtbeton in Erscheinung, obwohl diese aber nicht für eine solche Qualität gefertigt wurden. Auch die Untersichten der Geschossdecken wurden in Sichtbeton ausgeführt und blieben unbehandelt. Da sie als passive Wärmespeicher fungieren, bot sich dies auch aus energetischen Gründen an.
Die Fenster besitzen unbehandelte Holzrahmen, die nach außen hin jedoch durch eine aufgeklipste, anthrazitfarbene Alumiumblende metallisch erscheinen und gleichzeitig sehr wirksam gegen die Witterung geschützt werden.
Auch die große Freitreppe des Forums besteht aus einfachem, aber sehr hochwertig in Szene gesetztem Material: Sogenanntes See- Kiefernholz, also Holz, das normalerweise zum Zimmern von Transportbehältnissen verwendet wird.
Eternitfassade
Die dunkle Fassade entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine Konstruktion aus Enternit. Freilich bezog man direkt ab Werk dunkel durchgefärbte Elemente, auch war man in der Planungsphase bestrebt, die Anzahl der unterschiedlichen Paneelabmessungen so gering wie möglich zu halten. Tatsächlich sind alle hier verbauten Faserzementelemente in ihrer Basisgröße im Werk gefertigt worden. Lediglich einzelne Elemente, bei denen es detailbedingt erforderlich war, schnitten die Fassadenbauer von Hand vor Ort noch zu.
Flexible Grundrisse
Aktuell stehen bei SSP die Zeichen auf Wachstum, doch man blieb bei der Konzeption des Gebäudes bewusst vorsichtig. So kann der Bau leicht in bis zu sechs autark funktionierende Büroflächen mit jeweils rund 240 m² separiert werden. Vier davon, im Zuschnitt weitgehend identisch, stapeln sich zu einem nördlichen Flügel, zwei bilden im Süden das Doppelgeschoss. Grundsätzlich wäre es jederzeit möglich, den Bau in kleinere Einheiten zu separieren.
Hierzu müsste nur der derzeit als »Tapetentür« in der Fassade angelegte Ausgang aus dem Fluchttreppenhaus einen neuen Türflügel erhalten, damit man durch diesen den Bau auch betreten kann. Weitsichtig haben die Architekten zudem neben dem Treppenkern einen derzeit noch ungenutzten Aufzugsschacht vorgesehen, womit der Bau ganz kurzfristig behindertengerecht ausgestattet werden könnte und damit auch den gesetzlichen Ansprüchen einer solchen Gewerbeimmobilie entspräche. Diese Umbaumaßnahme würde bestenfalls einen Monat in Anspruch nehmen, meint Thomas Schmidt.
Warum »Blue Office«?
Im Jahr 1961 forderte Willy Brand auf einer Wahlkampfveranstaltung angesichts einer für heutige Verhältnisse unfassbaren Luftverschmutzung des Ruhrgebietes, dass der Himmel über demselben wieder blau werden müsse. Tatsächlich ist durch den Strukturwandel und das zunehmende Umweltbewusstsein seitdem viel geschehen. Die Architekten und Ingenieure von SSP sehen sich daher im übertragenen Sinne auch noch heute dem damaligen Appell verpflichtet und leisten mit dem Blue Office ihren Beitrag.
Robert Mehl, Aachen