Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Verfügungsbau des BLB
Typ:
Verwaltungsgebäude
Ort:
Aachen [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
pbs-architekten 🔗, Aachen
Materialien:
Schwarze Betonfertigteile, Glasquartz
Publiziert:
Beton + Fertigteiljahrbuch 2009
Seiten:
56 - 59
Inhalt:
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Verwaltungsgebäude in Aachen

Schwarzer Smaragd

 
Nach Westen der Stadt vorgelagert beschließt der Königshügel den Aachener Talkessel. Während dessen Kamm weitgehend von Wohnhäusern bestanden ist, sind an seinem nördlichen Hang der Hörn, zahlreiche Institutionen der Rheinisch- Westfälisch Technischen Hochschule (RWTH) Aachen angesiedelt. Der besondere Charme dieses Areals, das sich entlang der Mies-van-der- Rohe- Straße erstreckt, ist eine alte Streuobstwiese, die nach dem Rückbau einer Kleingartenkolonie entstanden ist. Das derzeit mächtige Wachstum der Hochschule, beflügelt durch die zum Projektierungszeitpunkt schon erhoffte Erhebung zur Exzellenz- Universität, machte die Schaffung von neuen modernen Büroflächen notwendig. Zusätzlich verschärft wurde die Situation durch den Umstand, dass das Verwaltungsgebäude des Bau- und Liegenschaftsbetreib NRW (BLB NRW) PCB belastet war und aus diesem Grunde niedergelegt werden musste. Im Jahr 2005 entschloss sich daher der BLB in seiner Funktion als Bauträger der Hochschule, die landeseigene Streuobstwiese moderat zu bebauen. Der entsprechende Masterplan sieht maximal vier Baukörper vor. Sie alle werden die bestehende grüne Ader nur seitlich flankieren, um die vorhandene wichtige Funktion als Kaltluftschneise für die Stadtbelüftung zu erhalten. Während die Objekte entlang der Mies-van-de- Rohe- Straße fünf bis sechs Geschosse erhalten werden, sind bei der gegenüberliegenden Bautenflucht jeweils nur zwei Ebenen vorgesehen. Die zentrale Überlegung war, die bestehende Luftströmung nicht durch einen querstehenden Gebäuderiegel zu blockieren. Das vorliegende Projekt wurde als erster Bauabschnitt dieses Masterplanes im Herbst 2007 fertiggestellt. Sein städtebauliches Pendant auf der nordwestlichen Seite befindet sich derzeit im Rohbau.
Nicht nur der Masterplan, auch der Entwurf für das Verwaltungsgebäude, das der BLB nunmehr auch selber nutzt, wurde vom internen Planungsstab bis zur Leistungsphase 2 der HOAI konzipiert. In 2006 wurde ein neues EU-offenes Vergabeverfahren der sogenannten „Wettbewerblichen Dialog“ durchgeführt. Ziel des Procedere war es mit mehreren, kompetente Anbietergemeinschaften aus Baufirmen, Architekten und Fachplanern ein Vergabe- und Ausschreibungsverfahren mit einem Dialoganteil durchzuführen. Dieses Verfahren konnte die Nesseler Grünzig Bau GmbH in Kooperation mit pbs architekten für sich entscheiden. Sie schlugen ein effektives und kostengünstiges Konzept auf Basis von Betonfertigteilen vor.
Vorgegeben waren die Geschossgrundrisse und damit verbunden die Positionen der Versorgungskerne sowie die senkrechte Fassadengliederung. Wichtig war dem Bauherren ferner Hochbau und Haustechnik ganzheitlich konzipiert zu wissen, um so planungstypische Konfliktbereiche weitgehend zu minimieren. Die Firma Grünzig Bau GmbH mit einem eigenen Betonfertigteilwerk bot in dieser Hinsicht ideale Voraussetzungen an. So konnte der Rohbau des teilweise sechsgeschossigen Objektes in 23 Wochen realisiert werden, von denen jedoch acht Wochen auf die konventionelle Gründung entfielen. Tatsächlich wurde für die Errichtung eines Geschosses nur zweieinhalb Wochen benötigt. „War der Rohbau fertig, war auch die Fassade fertig“, mit diesen Worten bringt Herbert Holler, verantwortlicher Projektleiter beim BLB die Schwierigkeit dieser Bauphase auf den Punkt. Denn was günstig für die Bauzeit war, hatte den Nachteil, dass es entsprechend sensibel in der Herstellung und beim Transport war. Die Fertigteile bestehen aus durchgefärbtem, schwarzen Beton. Seine monolithisch-kristalline Erscheinung erhielt der Bau durch einen „Glitzerzuschlag“ aus Glasquarz sowie durch grob gebrochene Steine als Zuschlag. Dabei erinnert das Resultat in seiner Rau- und Mattheit an Waschbeton, besitzt jedoch eine vollkommen andere Oberfläche. Ein Modul besteht immer aus drei Fensteraussparungen und einem geschlossenen Feld, der Rhythmus wechselt hierbei zur Belebung der Fassade von Geschoss zu.
Die Wände der in Ortbeton ausgeführten Treppenhäuser und Kerne besitzen eine rauhe Sichtbetonqualität. Sie stehen in einem lebendigen Kontrast zu den makellosen Oberflächen der vorgefertigten Betontreppenläufe, wobei Wände und Treppen wirken, als ob sie aus unterschiedlichem Material bestünden. Bewusst wurde hier eine Beton-brut- Ästhetik angestrebt. Einen zusätzlichen Reiz erhielten die Vertikalerschließungen durch ihre Verlagerungen aus der Gebäudemitte an den Randbereich, welches sowohl die Belichtung wie auch die Entrauchung im Brandfalle deutlich vereinfachte. Die von den Treppenhäusern jeweils abgehenden Sanitärbereiche sind ebenfalls in einer betonsichtigen Optik ausgeführt. Die beiden Treppenhäuser teilen den gesamten Bau in drei etwa gleichgroße Bauabschnitte. Dabei ist die Größe der Bereiche so festgelegt worden, dass diese in jedem Geschoss grundsätzlich Raum für 20 Arbeitsplätze aufweisen. So war es möglich, immer eine Abteilung des BLB in einem Geschossbereich beziehungsweise in einem Brandabschnitt unterzubringen.
Der monolithische Charakter wird neben der Haptik der Betonoberfläche und der scheinbar irregulären Anordnung der Fensteröffnungen auch durch die blau-graue Tönung der Verglasung unterstrichen. Sie dient natürlich vornehmlich der Reduzierung des Lichteinfalls insbesondere auf die Bildschirmarbeitsplätze. Verschattet werden können die Fenster darüber hinaus sowohl über eine achsenweise ansteuerbare Außenjalousie wie auch über individuell zu bedienende Alu- Blendschutzjalousien auf der Innenseite eines jeden geschosshohen Fensters. Diese Alulamellen kontrastieren dabei mit den hölzernen Innenrahmen der Holz/Alu- Fensters. Im Vorfeld der Planung war es zeitweilig angedacht, auch schon die Fenster werkseitig zu montieren. Davon wurde jedoch abgesehen, da die Öffnungen keine Brüstungen besitzen und somit die entsprechenden Aussparungen bei den Fertigteilen nach unten offen sind. Während des Transportes wäre das Bauteil nicht starr genug gewesen und eine Abdichtung der Fenster zum Rohbau wäre nur unvollständig möglich gewesen. Neben der natürlichen Klimatisierung durch die Fenster besitzt das Gebäude zusätzlich eine zentrale Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, die jedoch nur eine geringe Kühlfunktion hat. Die Grundtemperierung (Kälte wie Wärme) des Gebäudes wird über eine Betonkernaktivierung erreicht. Darüber hinaus kann über zusätzliche Heizkörper die Temperatur bei Bedarf nachgeregelt werden.
So zurückhaltend der Bau auf dem Reißbrett mit seiner klassischen Ausformung und seiner moderaten Fassadengliederung auch erscheinen mag, so sehr beeindruckt die Realisierung anhand ihrer materiellen Ausstrahlung. Insbesondere im warmen Abendlicht oder wenn eine Gebäudeseite im Streiflicht der Sonne steht, funkelt der Bau wie ein schwarzer Edelstein.
Robert Mehl, Aachen