Projektart:
Anfrage:
Objekt:
BFS - Biomedizinisches Forschungszentrum Seltersberg
Typ:
Laborgebäude
Ort:
Gießen [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Behles & Jochimsen 🔗, Berlin
Materialien:
Publiziert:
metallbau 09/2018
Seiten:
30 - 32
Inhalt:
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Biologisches Forschungszentrum Seltersberg, Gießen

Farbspektrum vor Diarahmen

Das künftige Zentrum der Campuserweiterung der Gießener Justus- Liebig- Universität besticht durch seine spektrale Metallfassade aus eloxiertem Aluminium. Insbesondere bei schlechtem Wetter leuchten die farbigen Paneelen ausgesprochen artifiziell.
Der artifizielle Charakter der Fassade war nicht die primäre Entwurfsidee, er ergab sich aus der inneren Logik des Projektes und der Notwendigkeit Kosten zu sparen. Das Biologische Forschungszentrum Seltersberg (BFS) teilt sich in fünf organisch ausgeformte Flügel - Finger genannt - auf, die entlang eines langgestreckten, gebäudehohen Foyers organisiert sind. Jeder dieser Flügel besitzt eine eigene Farbe, in der seine Flure und Fluchttreppenhäuser angelegt sind. In der Fassade wird diese "Farbrichtung" aufgenommen; so weist etwa der Vorlesungsflügel mit dem roten Unterfoyer eine Außenhaut mit verschiedenfarbigen Rottönen auf.
Bewusst hat das Berliner Büro Behles Jochimson Architekten die Fassade im Farbkreis angelegt, da sie "statt eine wie auch immer begründete ästhetische Entscheidung zugunsten einer Farbe treffen zu müssen - so das gesamte Spektrum abbilden". In gewisser Hinsicht betrachten die Planer die Fassadengestaltung als optisches Experiment, weshalb sie gerne von einem Forschungsbau im doppelten Sinne sprechen.
Rohbau aus Diarahmen
Der Rohbau des Forschungszentrums besteht aus energetischen wie auch aus Kostengründen weitgehend aus Betonfertigteilen. Die tragenden Außenwände sind aus rahmenförmigen Einzelelementen, die Architekt Armin Behles "Diarahmen" nennt. Deren Größe ergibt sich aus dem im Laborbau standardisierten Modulmaß von 3,45 m. Das Arbeiten mit diesen Einzelrahmen ermöglichte es, diese in verschiedenen Winkeln zueinander aufzustellen und so die Außen- und Innenkurven der Gebäudehülle in polygonaler Weise zu formen. Die sich ergebenden Überlappungsbereiche der Betonrahmen wurden zusätzlich bewehrt und anschließend mit Ortbeton vergossen. Etwa 180 dieser Fassadenschuppen umschließen das amorph-sternförmige Gebäude. Dabei wurde grundsätzlich immer mit einem "Diarahmen" pro Geschoss gearbeitet; es stehen also mit Ausnahme des eingegrabenen Ostfingers immer vier Betonbauteile übereinander.
Fassade mit Fingerspitzengefühl
Der dem Farbkreis folgende Farbverlauf ist so organisiert, dass in den "Fingerspitzen" die Leitfarben sitzen und sich die Mischfarben in den Innenkurven finden. Neben der Adaption des inneren, der besseren Orientierung dienenden Farbkonzeptes sollte so eine monumentale Erscheinung der gut 500 m langen Fassade vermieden werden. Zweifellos ist der Bau eine Großform, die jedoch in einem ausgesprochen heterogenen Umfeld steht. Hierin sollte sie sich städtebaulich einfinden und trotzdem als bauliche Einheit wirken.
Von außen wurde an die Rohbaukonstruktion eine hinterlüftete Bolzen- Einhangfassade aus Aluminiumblechen montiert. Deren Unterkonstruktion besteht aus Aluminium- U- Profilen, in die mittels stempelartiger Halter die seitlich rückgekanteten Fassadenbleche eingehängt sind. Die Fassadenelemente sind überlappend montiert, können aber auch einzeln demontiert werden.
Mittig sitzt ein festverglastes Fensterelement, daneben befindet sich ein Lüftungselement, das mit einem farblich passend eloxierten Lochblech kaschiert ist. Die Fensterbrüstung weist verdeckte Entwässerungsrinnen zur Schlagregen- Drainage auf, die über die Fußpunkte entwässert werden. Auch das Attikablech wird nach innen entwässert; es ist so breit wie der "Fassadendiarahmen" tief zuzüglich der Innen- sowie der außenseitigen Fassadendämmung. Die Fenster sitzen montiert an die Betonfertigteile noch vor diesen, um Rohbautoleranzen zu kompensieren. In den Innenkurven war aus Platzgründen die Schaffung von Lüftungsflügeln nicht möglich, weshalb hier elektrisch betriebene Fensterflügel eingebaut wurden.
Exquisit eloxiert
Alle Aluminiumelemente wurden im Sandalor- Verfahren eloxiert, eine Anwendung, die insbesondere für bewitterte Außenflächen geeignet ist. Im Rahmen einer elektrolytischen Oxidation (daher der Begriff "Eloxal") werden zuvor verformte Aluminiumbleche unter Gleichstrom gesetzt und in ein farbpigmenthaltiges Säurebad getaucht. Sie dienen als Anode, sind also der Minus- Pol oder der Anlaufpunkt, wohin die Elektronen fließen. Bei diesem auch Anodisation genannten Prozess entsteht auf dem Aluminium eine wenige Mikrometer starke, vor Korrosion schützende Oxidschicht.
Das Sandalor- Verfahren ist ein zweistufiger Prozess: Zunächst werden die Farbpigmente im Metall eingelagert, danach wird die Oberfläche durch Aufbringen von Aluminiumoxidhydrat fixiert und so dauerhaft vor Witterungseinflüssen geschützt. Von großem Vorteil ist, dass hier nicht mit einer zusätzlichen Farbschicht gearbeitet wird, sondern das Eloxat integraler Bestandteil des Metalls ist. Dies erklärt auch die metallische Färbung und die changierende Reflexion.
Die einzelnen Fassadenschuppen sind monochrom angelegt. Die Farbverläufe werden durch leichte Farbunterschiede zweier benachbarter Fassadenfelder erreicht. Durch eine schachbrettartige Anordnung (ein helleres Feld neben einem dunkleren, dann wieder ein helleres Feld, das jedoch dunkler als das erste helle Feld ist) wird mit einfachen Mitteln eine Lebendigkeit in der Fassade erreicht und trotzdem in sich stimmige Farbverläufe erzielt. Insgesamt wurde mit nur 32 verschiedenen Farben gearbeitet. Armin Behles merkt hierzu an, dass sie einfach alle verfügbaren Sandalor- Farben verwendet und nur ganz wenige "Knallfarben" ausgeschlossen haben.
Neben ihrer irisierenden Farbigkeit ist eloxierten Metalloberflächen eine enorme Schmutzresistenz zu eigen. Die ionisierte Pigmentierung ist elementar mit dem Aluminium verbunden, weshalb selbst hartnäckige Verschmutzungen wie Graffiti mit Lösungsmitteln leicht zu entfernen sind.
Keine Farbe war nicht die Frage
Vieles musste bei dem Bau aus Kostengründen umgeplant werden, die realisierte Fassade war die günstigste der zahlreichen Varianten. Nie hinterfragt wurde jedoch deren Farbigkeit, sie war explizit vom Bauherrn gewollt. Bedenkt man, dass gerne als erstes bei der Farbe gespart wird, kann diese Haltung nicht hoch genug geschätzt werden!
Robert Mehl, Aachen