Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Typ:
Museum
Ort:
Weimar [Satellit]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Heike Hanada 🔗, Berlin
Materialien:
Betonfertigteile, Glas
Publiziert:
opus C 4/2019
Seiten:
40 - 47
Inhalt:
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Bauhaus Museum, Weimar

Form follows function

In Weimar gibt sich das neue Bauhaus- Museum auf den ersten Blick hermetisch geschlossen. Der Betonbau folgt damit unter anderem dem zeitgemäßen Wunsch der Kuratoren und Restauratoren, Ausstellungsobjekte von Tageslicht fernzuhalten.
Das neue Bauhaus- Museum in Weimar ist ein unerwartet monolithischer Betonkubus, verkleidet mit einer Sichtbetonfassade, die durch wenige bewusst gesetzte Öffnungen gegliedert wird.
Zudem finden sich Scheinfugen und nächtlich glimmende LED- Bänder an der Fassade. Bewusst hat sich dessen Architektin Prof. Heike Hanada gegen die typische Erwartungshaltung entschieden, wie ein Bauhausgebäude idealtypischer Weise auszusehen habe; ihr erschien dies als keine zeitgemäße Antwort auf die Bauaufgabe. Stattdessen entwickelte sie die äußere Erscheinung, gemäß der bekannten Lehre des dritten Bauhausdirektors Mies van der Rohe - Form follows function - aus den Nutzungserfordernissen heraus: "Grundsätzlich wollen Ausstellungsmacher, aber auch Restauratoren Tageslicht vermeiden; Erstere häufig aus Gründen der Dramaturgie, die Zweiten aufgrund des UV- Schutzes der Exponate. Besitzt die Ausstellung nun Fenster, gar große Glasflächen oder auch Oberlichter, werden diese spätestens mit Einrichtung der Exponate mehr oder weniger dauerhaft verhangen!"
Dieser Logik folgend konzentrierte sich die Planerin auf die Entwicklung optimaler Grundrisse für eine museale Nutzung. Dabei ordnete sie die Ausstellung in den drei OG's an, im EG liegt das ebenerdige Eingangsfoyer, der Shop sowie die Ausstellung der Topographie der Moderne. Auf der Parkebene im UG schließlich finden sich das Café und die Nebenräume. Erschlossen wird die Ausstellung über einläufige gefasste Kaskadentreppen, die sich jeweils von einem zum anderen Geschoss erstrecken, im Gebäudevolumen aber frei zueinander verspringen. Will man also direkt nach oben gelangen, muss man in jedem Geschoss einen kleinen Weg durch die Ausstellung von einer Treppe zur nächsten gehen. Hinab führt der Weg schließlich über eine einläufige Treppenkaskade auf der Westseite, sie ist ähnlich dem Luftraum einer Vormauerschale zwischen der Fassade und den Ausstellungsflächen angeordnet und von diesen mit einer Brandwand und entsprechenden Schutztüren getrennt. Von außen wird dieses Fluchttreppenhaus durch drei fußbodenbündige Fenster auf den Geschossabsätzen belichtet, die sich diagonal über die Westfassade verteilen.
2012 wurde für den Neubau des Bauhausmuseums ein Architekturwettbewerb durchgeführt, bei dem das Büro von Frau Prof. Hanada zusammen mit drei weiteren Eingebern aus 500 Teilnehmern von der Jury ausgewählt wurde, an dem anschließenden VOF- Verfahren teilzunehmen. Allerdings erhielt sie die Auflage, ihre von vornherein geschlossene Fassade zu überarbeiten. Daraufhin schlug sie eine zusätzliche Einhausung ihres Baukörpers mit einer satinierten Glasfassade vor, die nachts durch horizontale Lichtbänder aufgelöst werden sollte, und gewann damit die dritte Stufe des Wettbewerbes.
Fast die gesamte Bauzeit bis zum Spätherbst 2018 blieb jedoch die Frage ungeklärt, ob der Bau nun tatsächlich besagte Glasfassade erhalten sollte oder ob man sich doch für die von der Architektin vorgeschlagene geschlossene Betonalternative entschied. Entsprechend wurde der Bau so entwickelt, dass es nach wie vor möglich wäre, vor die nunmehr realisierte Betonfassade noch eine zusätzliche Glashaut zu stellen.
Gestapelte Fassade
Der Rohbau des insgesamt 45 m breiten, 27 m tiefen und 23 m hohen Betonquaders ist eine Ortbetonkonstruktion, vor die umlaufend eine selbstragende Betonfertigteilfassade infolge ihres enormen Gewichts auf einem eigenen Fundament gestapelt wurde. Sie umfasst rd. 3.500 m² und besteht aus etwa 400 Elementen. Ein besonderes Augenmerk lag auf ihrer maßlichen Exaktheit, ihrer Scharfkantigkeit und ihrer exakten weiß-grauen Farbigkeit.
Dipl.-Ing Michael Erhardt, Geschäftsführer der Hemmerlein Ingenieurbau GmbH, die die Produktion und die Montage der Betonfertigteile übernommen hatte, weist darauf hin, dass die benötigten Rezepturen mit Hinblick auf die Präzision einerseits mit ihren Schwindeigenschaften exakt auf die Schalungen ausgewählt wurden und andererseits die geforderte Färbung mit Hilfe eines Weißzementes erreicht wurde.
Die Materialwahl fiel hier auf den Weißzement der Firma CRH aus dem slowakischen Rohožník. Mit der genauen Rezeptur hält sich der Geschäftsführer zurück, verrät nur soviel, dass auf den Einsatz von Pigmenten aus betontechnologischen und fertigungstechnischen Gründen verzichtet wurde und stattdessen eine marginale Beimischung eines weiteren Zementes erfolgte. Zudem weist er daraufhin, dass CRH bei der Produktion von Weißzement 15-20 % weniger CO2 emittiert als die meisten anderen europäischen Produzenten, womit sein der Nachhaltigkeit verpflichtetes Unternehmen aktiv einen Beitrag zum Umweltschutz geleistet hat.
Neben der Produktion und der Montage war auch die Qualitätssicherung der Oberflächenfarbigkeit von zentraler Bedeutung für das Unternehmen. Hier war insbesondere die kontinuierliche Karbonatisierung zwischen dem Zeitpunkt der Bauteilproduktion, der Zwischenlagerung, dem Transport bis hin zur Montage der Bauteile in Weimar zu beachten. Insofern wurde versucht, die Lagerungsdauer über alle Produktionsabläufe hinweg zu vereinheitlichen, um so eine annähernd identische farbliche Veränderung bei allen Architekturbetonelementen zu erhalten.
Natürliche Alterung
Für die Architektin und den Bauherrn war es wichtig, dass die Betonfassade gleichmäßig altert und somit auch eine materialtypische Patina ansetzen kann. Dementsprechend erhielten die sorgfältig produzierten Betonfertigteile im Werk keinerlei weitere Oberflächenbearbeitung. Sie wurden weder hydrophobiert, noch erhielten sie einen Graffitischutz. Letzteres wird nun am Objekt nachgeholt. Da nicht nur Vandalismus in den unteren Bereichen zu fürchten ist, sondern z.B. auch hoch aufsteigende Farbbeutelwürfe, soll die gesamte Fassade bis hinauf zur Attika entsprechend behandelt werden. Geschehen soll dies auch vor dem Hintergrund einer homogenen Farbigkeit, da zu erwarten ist, dass sich eine partielle Oberflächenbehandlung, appliziert etwa nur im unteren Bereich, durch einen subtilen Glanzwechsel bemerkbar macht.
Nächtliche Lichtummantelung
Mit dem Einsetzen der Dämmerung beginnen die 24 horizontalen Lichtbänder subtil zu glimmen. Obwohl mit dieser Technologie natürlich auch eine computergesteuerte, durchaus farbige Animation ohne weiteres denkbar wäre, war für die Planerin und für den Bauherrn nur ein durchgehend monochrom weißes Licht gewünscht. Grundsätzlich ist die Steuerung aber auch für einfarbige Lichtspiele ausgelegt, die zu punktuellen Anlässen gezeigt werden können, von denen aber regulär abgesehen wird. Eine kleine Dynamik gibt es aber schon jetzt: Da zum Zeitpunkt der Dämmerung die Resthelligkeit noch zu hoch für ein Wahrnehmen des Glimmens ist, leuchten die Bänder zu diesem Zeitpunkt zunächst deutlich heller, werden aber mit Eintreten der Dunkelheit in ihrer Leuchtkraft zurückgefahren.
Robert Mehl, Aachen