Projektart:
Anfrage:
Objekt:
AachenMünchener Direktion
Typ:
Hauptverwaltung
Ort:
Aachen [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
kadawittfeld 🔗, Aachen
Materialien:
Stahl, Glas, Beton
Publiziert:
Beton Bauteile 2011
Seiten:
134 - 139
Inhalt:
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Freitreppe am AM- Direktionsgebäude in Aachen

Stairway to Heaven

Die Aachen Münchener Versicherungs AG hat ihre bestehende Hauptverwaltung in Aachen massiv erweitert und umgebaut. Dabei wurde auf ihrem Grundstück eine öffentliche und städtebaulich bedeutsame Treppenpassage neu geschaffen: Sie besteht aus Betonfertigteilen und verbindet den Hauptbahnhof mit der historischen Altstadt.
Seit jeher resignierte man vor dem Abgrund. Als ortsunkundiger Zugreisender, der am Aachener Hauptbahnhof angekommen war, folgte man gerne der Turmspitze des Domes in der Hoffnung, so in die Innenstadt zu gelangen. Jedoch scheiterte man schnell an einem unpassierbaren Höhenversprung, der ein Abweichen von der Luftlinie erzwang. Dieser natürliche, etwa 9 m betragende Niveauversatz des Terrains liegt auf dem Grundstück der Aachen Münchener Verwaltung und seit jeher gab es das öffentliche Anliegen, hier einen Durchgang zum historischen Kern zu schaffen. Ein erster Schritt in diese Richtung war vor sieben Jahren die Umnutzung des daran anschließenden, noch aus der Gründerzeit stammenden Hauptpostamtes zu einer Passage mit integrierter Eventgastronomie. Zeitgleich wurde damals auf dem dahinter liegenden Posthof das größte Multiplexkino der Stadt errichtet. Dabei entstand auch ein intimer Platz mit einem Durchgang in Richtung Bahnhof. Dieser Weg endete jedoch bislang an der Borngasse unmittelbar am Grundstück der Aachen Münchener Versicherung.
Der Wettbewerb
Vor etwa sechs Jahren sah sich der internationale Versicherungskonzern dazu veranlasst, sein bestehendes Verwaltungshochhaus an der Theaterstraße massiv zu erweitern. Dabei bot sich eine Übernahme des angrenzenden Grundstückes vom alten Finanzamt an. Da diese kommunale Institution damals einen Neubau in der Vorstadt bezogen hatte, war der wenig attraktive Altbestand aus den 1960er Jahren obsolet. Für eine überzeugende Realisation der Erweiterung, wie auch um einen stimmigen Anschluss an den Bestand zu gewährleisten, wurde 2005 ein Architekturwettbewerb ausgelobt, der insbesondere auch Wert auf städtebauliche Qualitäten legte. Diesen konnte das Aachener Architekturbüro kadawittfeldarchitektur in Zusammenarbeit mit den Kölner Landschaftplanern club L 94 mit ihrem Konzept der „Via Culturalis“ für sich entscheiden. Sie schlugen vor, die eingangs erwähnte Lücke in der fußläufigen Achse zur Innenstadt zu schließen und diese Achse mit kleinen Plätzen und einer signifikanten Architektursprache zu prägen. Eine große Freitreppe mit einer integrierten Rampe für Rollstühle und Kinderwagen sollte schließlich zur Überwindung des Höhenunterschiedes dienen. Gleichzeitig verwiesen sie darauf, dass mit dieser Achse auch eine neue repräsentative Adresse, also ein attraktiver Haupteingang in die Versicherungszentrale geschaffen würde. Dieser Siegerentwurf wurde nahezu 1:1 umgesetzt.
Das Erschließungskonzept
Bemerkenswert ist die räumliche Verschränkung zweier Achsen: Es gibt die öffentliche fußläufige Achse in die Innenstadt und es gibt eine verwaltungsinterne Verbindung, welche mittels eines Skywalks die „Via Culturalis“ quert. Diese Gebäudebrücke besteht aus mehreren voll verglasten Querungen und verbindet wetterunabhängig alle Gebäudeeinheiten des Versicherungskonzerns. Die Erschließungsebene befindet sich auf dem Erdgeschossniveau des alten Hochhauses, welches seinen Sockel oberhalb des Terrainversprunges hat. Ein Skywalk kreuzt in etwa 4 m Höhe die Freitreppe. Der neue Zugang in die Hauptverwaltung findet sich eine Ebene darunter und liegt im Zentrum des Komplexes am neuen Aachen Münchener Platz. Hinter dem Empfang führt eine Rolltreppe nach oben zu der internen Passage, die nicht nur Zugang zu allen Flügeln der Verwaltung, sondern auch zur Kantine, zu der Cafeteria und zu den Besprechungsräumen ermöglicht. Freitreppe und Rampe
Das hier realisierte Konzept, eine flache Rampe in Serpentinen in eine Freitreppe zu integrieren ist weltweit ohne Beispiel. Es ist die gelungene Synthese aus dem Bestreben, den würdevollen Duktus einer klassischen Freitreppe (Spanische Treppe in Rom, Montmartre in Paris) zu kreieren und gleichzeitig heutigen Ansprüchen gerecht zu werden, bei einer Vertikalverbindung auch eine stufenfreie Alternative zu schaffen. Tatsächlich ist die Idee brillant in ihrer Schlichtheit und vertrackt im Detail. Die planerische Herausforderung lag in der eleganten Bewältigung der schleifenden Übergänge zwischen den Blockstufen und den Rampenelementen. Die Lösung fand sich in einer weitestgehenden Standardisierung der Bauteile und in der Verwendung von Betonfertigteilen sowohl für die Stufen, wie auch für die Rampe. Die Blockstufen haben ein Steigungsmaß von 38 cm auf 13 cm und sind entweder 240 cm, 160 cm oder 80 cm lang. Sie wurden jeweils um ein Drittel zueinander versetzt. Bei der integrierten Rampe konnte durch eine rationale Planung erreicht werden, dass pro Laufrichtung nur eine einzige Elementform benötigt wurde. Ein gradliniger Abschnitt besteht aus jeweils 6 Elementen. Da sich die stufenfreie Serpentine jeweils fünfmal nach rechts und fünfmal nach links schlängelt, waren insgesamt 60 Bauteile vonnöten. Jeweils die Hälfte davon ist miteinander baugleich. Die Rampenbauteile haben das Format 320 cm auf 190 cm, dabei verspringen die Elemente zueinander um eine Blockstufenbreite, also um 38 cm. Gleichzeitig überwinden die Rampenbauteile pro Einheit immer genau die Höhe einer Blockstufe, also 13 cm. Die stufenfreie Trasse besitzt hin zur Talseite ein leichtes Gefälle von 5,3 %. Da die Stufen selber aber kein Gefälle aufweisen, erschien es sinnvoll, die entsprechenden Teilbereiche der Rampenelemente ebenfalls ohne Gefälle auszuführen. Entsprechend erhielten die geneigten Betonfertigteile jeweils zur Berg- und zur Talseite hin einen flachen Grat. Diese laufen immer von den Vorderkanten der Stufen schräg nach außen auf die gegenüberliegende Ecke zu. Aufgrund dieser Vorgaben war bei der Herstellung der Betonfertigteile besondere Sorgfalt vonnöten, da ein Fertigteil auf seiner Oberfläche drei Flächen hat, die unterschiedlich zueinander geneigt sind.
Betonzusammensetzung
Gegossen wurden die Fertigteile aus herkömmlichem Beton, allerdings unter Verwendung von Weißzement der Firma Dyckerhoff. Der graue Farbton wurde durch eine 1 % Zugabe des Schwarzpigmentes von Lanxess erreicht. Auch wenn der resultierende Grauton nunmehr als „betonfarben“ bezeichnet werden könnte, wählten die Planer von club L94 bewusst diese Zusammensetzung. Auf diese Arte wollten sie eine typische „Gelbstichigkeit“ der Fertigteile, die sich bei einer Verwendung von herkömmlichem Beton zwangsläufig ergibt, vermeiden. Einen solchen Farbton empfand man bei diesem Projekt als unpassend. Die Treppenanlage wurde zudem nicht als ein farblich homogenes Objekt ausgeführt. Vielmehr ist sie mit anthrazitfarbenen Blockstufen durchsetzt. Prinzipiell bestehen diese aus denselben Bestandteilen: Weißzement ist das Bindemittel, Schwarzpigment das färbende Additiv. Jedoch wurde bei dem Farbstoff die Konzentration auf nunmehr 4 % erhöht. Alle Betonfertigteilen wurden frost- und tausalzbeständig ausgeführt und in Anlehnung an die DIN EN 13198 sowie die DIN 18500 erstellt.
Podeste
In die Treppe sind alle 6 Stufen etwa 2,80 m breite Podeste eingeschoben. Ein Plattenteppich aus 60 cm x 40 cm großen Betonwerksteinen bedeckt diese. Die Herausforderung war hier sowohl bei den verwendeten Betonwerksteinen, wie auch bei den Fertigteilen der Stufen und denen der Rampe einen identischen Farbton zu erzielen. Betonwerksteine werden erdfeucht gepresst und nicht gegossen, wodurch ein unterschiedliches Farbverhalten beim Abbinden sich einstellt. Dabei erfolgte ihre Herstellung ebenfalls unter Verwendung von Weißzement sowie von Schwarzpigment. Ebenfalls identisch ist bei allen Bauteilen die mit R11 angegebene Rutschfestigkeit.
Aachen Münchener Platz
Der der Freitreppe in Richtung der historischen Altstadt vorgelagerte Aachen Münchener Platz ist, wie eingangs erwähnt auch das Entrée zum neuen Haupteingang. Auch er gilt als „urbaner Trittstein“ auf der neuen „Via Culturalis“ und besteht aus baugleichen Betonsteinen. Im Bereich dieses Platzes kreuzt zudem die Borngasse diese Achse. Der Fahrbahnbelag wurde allerdings durch den Plattenbelag ersetzt, um so baulich-suggestiv eine gewisse Verkehrsverlangsamung zu erreichen. Um diesen Effekt, wie auch um den formalen Platzcharakter zu verstärken, wurde mit noch einer dritten Betonfarbe gearbeitet. Quer verlaufende Plattenbänder erhielten eine 2 % Zugabe von Schwarzpigment. Ihr Ton liegt genau zwischen der hellgrauen Grundfarbe der Achse und den einzelnen anthrazitfarbenen Stufen, welche die Treppenanlage formal rhythmisieren. Untergrund
Natürlich befinden sich auch unter der Freitreppe durchgehende Kellerräume des Versicherungskonzerns. Jedoch wurden die Stufen, die Podeste oder gar die Rampe nicht an die Kellerdecken angeformt. Vielmehr befinden sich unter den Elementen des Belages erst eine Frostschutz- und darunter eine Tragschicht aus gebrochenem Naturstein, vulgo Kies. Es ist ein Aufbau, wie man ihn auch von anderen Projekten aus dem Tiefbaubereich kennt.
Fazit
Tatsächlich ist die Hauptverwaltung der Aachen Münchener Versicherung ein architektonischer Pluspunkt für das Stadtbild. Durch Zerlegung der geforderten Büroflächen auf drei verschiedene Baukörper haben die Architekten kadawittfeldarchitektur die Schaffung eines ansonsten notwendigen Großvolumens überzeugend vermieden, welches die vorhandenen stadträumlichen Maßstäbe dieses Quartiers gesprengt hätte. Überdies ist die neue fußläufige Achse, die „Via Culturalis“, geschaffen von den Freiraumplanern club L 94, eine echte Bereicherung für Aachen. Nun muss man nur der Turmspitze des Domes folgen, um vom Bahnhof zu ihm zu kommen. Gerade für die vielen Pilger, die alle sieben Jahren zur Heiligtumsfahrt nach Aachen kommen, ist dieser neue Weg tatsächlich eine Art „Stairway to Heaven“ .
Robert Mehl, Aachen