Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Tour Total
Typ:
Bürohochhaus
Ort:
Berlin [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Barkow Leibinger 🔗, Berlin
Materialien:
Betonfertigteile, Stahl, Glas
Publiziert:
Beton Bauteile 2013
Seiten:
30 - 34
Inhalt:
[Artikel]      [Bildstrecke]      
 

Tour Total, Berlin

Stadtkrone aus Beton

Im Oktober wurde in Berlin die deutsche Hauptverwaltung des französischen Mineralölkonzerns Total feierlich eingeweiht. Der knapp 70 m hohe Büroturm besticht durch ein scheinbar permanent interferierendes Schattenspiel seiner prägnanten Fassade. Diese besteht, wie auch weitgehend alle Wandelemente des Rohbaus, aus Betonfertigteilen.
Verlässt man den Berliner Hauptbahnhof nicht wie derzeit üblich in Richtung Reichstag, sondern über den gegenüber liegenden Nordausgang, so steht man recht schnell vor einer Großbaustelle, aus der in den kommenden Jahren die sogenannte „Europacity“ erwachsen soll. Ähnlich wie der Potsdamer Platz soll das neue Geschäftsviertel an seinen Rändern mit niedriggeschossigen Bauten beginnen und sich dann in Richtung Bahnhof steigern. Kulminieren soll das Stadtentwicklungsprojekt in drei Hochhäusern nahe vor dem wichtigen Zughaltepunkt. Der soeben fertig gestellte Tour Total ist das erste davon.
Das 17-geschossige Hochhaus war von dem Berliner Architekturbüro Barkow- Leibinger entworfen und planerisch umgesetzt worden. Unmittelbar neben dem Bau entsteht dazu aktuell ein Pendant, das ebenfalls von den Architekten stammt. Es weist zwar deutlich weniger, nämlich nur fünf Geschosse auf, ist jedoch so konzipiert, dass es zusammen mit dem Turm einen Torcharakter ausbilden wird. Eine Fußgängerzone wird zwischen beiden hindurchführen. Sie soll einmal der prominente Zugang in das neue Wirtschaftsquartier sein. Obwohl die beiden Hochbauten nicht gleichzeitig entstanden sind, gehören sie zweifellos konstruktiv zusammen. Ihre Keller sind miteinander verbunden und bilden eine Einheit. Als erstes überhaupt realisiert, nimmt der unterirdische Bau eine dreigeschossige Tiefgarage mit einer BGF von 28.000 m² auf.
Fertigteilfassade
Durch die Arbeiten des Büros von Barkow- Leibinger zieht sich die Rezeption von Fassaden als ein kontinuierliches Thema. Die Planer betrachten sie als ein eigenständiges architektonisches Element, das gleichwohl als eine separate, räumliche wirkende Schicht anzusehen ist. So nimmt es nicht wunder, dass der Betrachter die Fassade beim Tour Total tatsächlich auch vollkommen losgelöst von dem unübersehbaren Volumen wahrnimmt und diese – so diametral es zur gängigen Architekturlehre „form follows function“ auch stehen mag – durchaus formal bestehen kann. Konstruktiv handelt es sich um eine Vorhangfassade aus T-förmigen Betonfertigteilen, deren vertikaler Mittelschenkel grundsätzlich über zwei Geschosse reicht und deren horizontaler Architrav jeweils eine Fensterachse nach links und nach rechts spannt. Dabei misst jedes T- Element in Gänze exakt 7,35 m x 2,40 m.
Bedingt durch die dreidimensionale Profilierung der vertikalen Mittelachse durch einen diagonal verlaufenden Grat formen immer zwei übereinander angeordnete T- Elemente ein sogenanntes K- Modul. Der Name rührt daher, dass das obere Element wie eine horizontale Spiegelung des unteren erscheint und sie gemeinsam ein „K“ formen, das extrem schmal sich über vier Geschossebenen erstreckt. Links und rechts von einer solchen Einheit schließen prinzipiell identische Fertigteile an, die ebenfalls K- Module bilden. Sie sind jedoch in Relation zum ersten um ein Geschoss versetzt und variieren in der Detailausführung leicht. Daraus ergibt sich ein verwirrendes Spiel von rund 25 cm vor- und zurückspringenden Lisenenkanten, das insbesondere bei einem seitlichen Streiflichteinfall zu einer unglaublich lebendigen, weil mit dem Sonnenlauf sich ständig verändernden optischen Erscheinung der Fassade führt.
Der Fassadenentwurf wurde nicht allein von den Architekten entwickelt, sondern in mehreren Workshopverfahren zusammen mit einer Jury aus Bauherren, Nutzern, externen Gutachtern und Vertretern von Stadt und Land Berlin verfeinert. Letztendlich gab man dem Material Beton aufgrund seiner Langlebigkeit und seiner skulptural-monolithischen Erscheinung gegenüber einer günstigeren Stahlblechvariante den Vorzug.
Möglich war die gewünschte Realisation des vitalen Schattenspiels der Fassade durch eine ungemein präzise Fertigung der Betonfertigteile durch die Firma Dreßler Bau GmbH in Stockstadt. So mussten aufgrund der erforderlichen Maßgenauigkeit viele der diffizilen, teils auf Null zulaufenden, spitzen Schalungsformen mit der Handkreissäge aus 21 mm starken Magnoplan- Plattenelementen zugeschnitten werden. Dabei wurden die hohen Qualitätsanforderungen an die zu erzielenden Betonoberflächen aus Sicht der ausführenden Handwerker nur mit einer fünfschichtigen DUO 360-Stäbchensperrholzplatte erreicht. Die Fertigungstoleranzen mussten im Bereich von unter 3 m liegen, da bei der späteren Montage nur eine maximale Abweichung von +/- 1,5 mm im Fugenbild zulässig war bzw. mit den Befestigungselementen kompensiert werden konnte. Hilfreich war auch eine abriebfeste Filmbeschichtung der Schalhaut, die bessere Oberflächenresultate und deutlich höhere Produktionszyklen gewährleistete. Der für die Elemente benötigte Architekturbeton aus Weißzement wurde in einer eigens dafür eingerichteten Mischanlage auf dem Werksgelände in Stockstadt produziert. Eingebracht und verdichtet wurde der Beton grundsätzlich mit Tisch- und Flaschenrüttlern. Aufgrund der extremen dreidimensionalen Ausformung geschah dies aber auch per Kelle in aufwändiger Handarbeit.
Nach dem Aushärten wurden die Elemente an ihrer Oberfläche abgesäuert, um der Struktur aus Weißzement und Quarzkies eine marmorartige Eleganz zu verleihen. Insgesamt galt es eine Fläche von rund 7.500 m² zu behandeln. Bis Anfang August 2011 wurden 450 der 1.395 Elemente in nur acht Wochen vorproduziert und wettergeschützt auf dem Werksgelände eingelagert. In speziellen Verladeboxen gelangten sie per Tieflader an die Baustelle am Berliner Humboldthafen. Unter der Bauleitung der Dreßler Bau GmbH übernahmen Nachunternehmer dann den Aufbau. Die gesamte Fertigteilfassade war bis Ende 2011 produziert und schließlich bis April 2012 montiert. Darunter fielen auch Sonderbauteile, wie etwa Stützenverkleidungen, Brüstungen, T- Stützen und Attiken.
Befestigt wurden die T- Elemente mit nur je einem Schrägzuganker pro Bauteil an der Rohbaukonstruktion und zwei weiteren, seitlichen Winkeln, die erforderlich waren, um die Betonfertigteile gegen ein Verdrehen zu sichern. Alle drei Beschläge bestehen aus gehärtetem Edelstahl. Weitere Bewegungsmöglichkeiten des einzelnen Betonbauteiles werden durch entsprechende Nuten, Kanten und Stöße an den benachbarten Elementen unterbunden.
Was einfach klingt, erforderte jedoch allerhöchste Präzision: Jedes einzelne Element wurde unmittelbar nach seiner Befestigung von einem Vermesser digital aufgemessen und die ermittelte Position online mit einem 3D- CAD- Modell der Fassade abgeglichen. Etwaige Korrekturen waren mit Hilfe des verwendeten Schrägzugankers möglich, der in zwei Dimensionen justierbar ist. Denn selbst kleine Abweichungen hätten sich bezogen auf die Gesamthöhe in einer nicht mehr beherrschbaren Weise potenziert.
Rohbaukonstruktion
Aber nicht nur die äußere Vorhangfassade besteht aus Betonfertigteilen, auch die äußeren Wände der Rohbaukonstruktion wurden auf Anregung der ausführenden Firma so erstellt. Der Grundriss formt quasi einen rechteckigen und vor allem stützenfreien Raum um einen Gebäudekern, in dem das Fluchtreppenhaus, die Versorgungsschächte und die Nebenräume untergebracht sind. Nur eine dünne Brandwand und das zentrale Aufzugfoyer teilen den Bau in einen Ost- und einen Westflügel. Da der Turm keine reine Glas-, sondern eine klassische Lochfassade mit einem Verhältnis von offener zu geschlossener Fläche von 6:4 besitzt, konnte hier problemlos mit tragenden Außenwänden gearbeitet werden. Die auch hier mit der Erstellung der Rohbau- Fertigteile beauftragte Firma Dreßler Bau schlug vor, die Elemente als raumgreifende Kämme auszuführen, zumal es hierbei nicht auf eine Betonung der Vertikalen wie bei der sichtbaren Außenhaut ankam. Dabei wurden die Fensterleibungen, die quasi die „Zinken“ des Kammes sind, auf die jeweiligen Geschossdecken aufgesetzt und verankert. So konnte man, wenn man nach dem Aufstellen aller Wandelemente einer Etage diese zum einen als äußere Begrenzung der Ortbetondeckenschalung nutzen und zum anderen die Fertigteile mit eben der Deckenbetonage dauerhaft vergießen. Für die Montage der Wandkämme waren bedingt durch die Bauhöhe zwar mit die größten verfügbaren Autokräne erforderlich, tatsächlich konnten aber mit der so immens verkürzten Bauzeit diese Mehrkosten mehr als kompensiert werden.
Ebenfalls wie nach dem Lehrbuch für eine zweischalige Wandkonstruktion, jedoch hocheffizient logistisch organisiert erfolgten der Fenstereinbau in die Rohbaukonstruktion sowie das Anbringen einer Außendämmung an diese. Da die Fensterelemente eben nicht ganz geschosshoch angelegt sind, konnten sie verkippt einfach mit dem ganz normalen Innenaufzug zu ihrer Geschossebene verbracht werden. Tatsächlich waren alle zu montierenden Bauteile so handlich, die Fronten der Außenwände so schmal und diese durch Rohbauöffnungen so gut zugänglich, dass von einem Außengerüst abgesehen werden konnte. Diese Situation erlaubte zeitgleich eine Montage der Fertigteilvorhangfassade in den unteren Bereichen, während in den oberen Geschossen noch die Fenster eingesetzt und die Außendämmung eingebracht wurden.
Nachhaltigkeit
Schon früh im Planungsprozess galt die Maßgabe, dass mit dem Tour Total eine DGNB- Zertifizierung in Silber erreicht werden soll. Komponenten des Klimakonzeptes sollten eine effiziente Energierückgewinnung, eine Dreifachverglasung sowie ein außen liegender Sonnenschutz sein. Ferner galt die Anforderung, alle Räume auf natürlichem Weg belüften zu können. Konsequent wurde auch ein allgemein bekannter planerischer Grundsatz umgesetzt, der insbesondere bei Hochhäusern oft viel zu kurz kommt. Das thermisch eher unkritische Aufzugtreppenhaus wurde auf die sonnige Südseite und die eher sonnenlichtsensiblen Bürobereiche wurden nach Norden hin angeordnet. So heizen sich die Arbeitsplätze weniger auf und müssen im Tagesverlauf deutlich weniger aktiv verschattet werden. Ein Übriges leisten die massiven Außenwände, die aktiv ein kurzfristiges, witterungsbedingtes Erwärmen der Geschosse unterbinden, jedoch anderseits die Innentemperaturen speichern und zeitverzögert an den Raum wieder abgeben. Ein Ressourcen schonender thermischer Puffer im Komfortbereich der Nutzer ist so entstanden.
Die oberste 17. Haustechniketage ist in ihrer geschlossenen Ausdehnung nur etwa so groß wie die Geschosskerne darunter. Die umgebende äußere Fläche ist hier nicht überdacht und nimmt insbesondere die für die zahlreichen Wärmepumpen erforderlichen Rückkühlwerke auf. Um dem Bau nach außen hin jedoch eine harmonische Erscheinung mit einem definierten oberen Abschluss zu geben, wurde die Vorhangfassade über diese Ebene als freistehende und durch vertikale Öffnungen gegliederte Wand ausgeführt.
Fazit
Es scheint so, als ob die Architekten, allen voran Frank Barkow und Regine Leibinger, sich bei ihrem Entwurf zum Tour Total von dem expressionistischen Architekturwerk eines Bruno Taut haben inspirieren lassen. Insbesondere ist eine Gedankenverwandtschaft zu dessen wegweisendem architekturtheoretischen Buch von 1919 „Die Stadtkrone“ spürbar [1]. Darin werden Stadtzentren skizziert, die sich mit kristallin-solitären Höhepunkten, klar erkennbar und die Mitte betonend über eine entsprechende urbane Struktur erheben. Auch war den Entwürfen Tauts nicht die reduzierte Formsprache eines Le Corbusier zu Eigen, vielmehr suchte er eine gewisse expressive Filigranität.
Und genau das finden wir nun in dem Tour Total: Auch hier überragt ein kristallin-monolithischer Solitär das neue Geschäftsviertel. Vielleicht wird er mit seiner eleganten Aura einmal nicht nur jene „Europacity“ krönen, sondern auch die derzeit entstehende „Neue Mitte“ von Berlin.
Literatur
[1] Pehnt, Wolfgang: Die Architektur des Expressionismus, 1998 Ostfildern, S.99-124

Robert Mehl, Aachen