Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Typ:
Interview
Ort:
Messe Luzern [Karte]
Staat:
Schweiz
Architekt:
Prof. Markus Schlegel
Materialien:
Fußböden der Zukunft
Publiziert:
SBD 02/2019
Seiten:
22 - 23
Inhalt:
[Artikel]      
 

Interview Prof. Schlegel

Bodenbeläge und ihre Codierungen

Beim Bodenforum der Suisse Floor stellt Professor Markus Schlegel seine Forschungen zum Fussboden der Zukunft vor. Wir haben ihn dazu befragt.
Herr Prof. Schlegel, wie gehe ich die Kategorisierung von Fußboden in einer Studie grundsätzlich an?
Es gibt unterschiedliche Betrachtungsmöglichkeiten. Entweder gehe ich über die Raumfunktion, ich frage mich welchen Raumtyp gilt es zu betrachten: Einem öffentlichen, halböffentlichen Bereich, ein Büro, ein Flur oder in eine Wohnung etc.. Eine zweite Möglichkeit wäre die Einordnung nach dem Oberflächenmaterial, also etwa Holz, Teppichboden, flexible Bodenbeläge , Zementestrich oder Fließen. Im weiteren spielt natürlich die Raumdimension, also etwa ein kleines Zimmer oder eine große Halle eine entscheidende Rolle. Funktion und Materialwahl des Bodens sind in Abhängigkeit zu sehen, denn es gibt Ausschlussmöglichkeiten, etwa ein öffentlicher Flur mit Teppichboden. Schlussendlich haben wir dazu noch die gesetzlichen Vorschriften zu beachten. Im Gesundheitswesen gelten Hygienevorschriften die nur mit bestimmten Oberflächen erreichbar sind.
Sie sprechen oft von Codierungen. Was ist das für Sie?
Alles was wir sehen sind Zeichen und Bedeutungscodes, gestalterische Prägungen die ich als Codes beschreiben und bezeichnen kann. In unserer Zeit gelten kaum noch Regeln für spezifische gestalterische oder stilistische Codierungen. Auch ein kontextfreier Rückschluss vom Oberflächenmaterial auf seine Nutzung ist kaum noch möglich. In der Gestaltung geht es heute meist darum, was ich für eine Aussage treffen will. Wir leben in einem Zeitalter der Retrokultur und des Stilmix. Will ich etwa ein Büro im Industrial- Look, dann ist ein roher Zementestrich in Ordnung, darauf darf auch eine Perserteppich liegen. Mit dieser Materialwahl und Kombination transportiere ich eine Botschaft.
Codierungen beschreiben gestalterische Ausprägungen und Phänomene, sie beschreiben damit auch jede Oberflächengestaltung: Das spezifische Raster, Muster und die Haptik erzählen eine Geschichte und treffen eine Raumaussage. Wir leben in einer sich verändernden Welt, auch für den Boden gilt, dass es die eine ewige und zeitlose Aussage zur Gestaltung nicht mehr gibt. Er soll vielmehr wandlungsfähig und multifunktional sein. Ein weiterer aktueller wichtiger Aspekt von Gestaltung ist das Thema Tradition, das Zitieren von Bestehendem bei gleichzeitiger Integration von Neuem und dessen Zukunftsausrichtung. Wichtig dabei ist an Gewohnheiten oder Sehgewohnheiten zu appellieren, damit Neues angenommen wird. Die Einführung des Smart- Phones ist hierfür ein Beispiel. Als sie ganz neu waren, hat man damit zunächst hauptsächlich telefoniert, die innovative Internetfunktionen war ein "nice to have". Die Menschen nehmen das Produkt zunächst über Gewohnheiten an und entdecken dann die neuen Zukunftsoptionen.
Sie verwenden öfter den Begriff "personalisierter Fußboden", was meinen Sie damit?
Personalisiert steht für individualisiert. Hier spielen unter anderem digitale Themen stark hinein. Vom digitalen Fertigungsprozess bis zur digitalen Oberfläche. Vorstellbar wären etwa ein selbstleuchtender Belag, der situativ eine andere Färbung oder Ornamentik annimmt. So könnte zum Beispiel in einer offenen Bürolandschaft der Arbeitnehmer selber festlegen, auf was für einer Bodenfarbe er arbeiten will - ähnlich dem Desktopbild eines Rechners.
Der Fußboden wird dann quasi zu einem Bildschirm?
In die Richtung könnte es gehen, wobei man sich fragen muss, ob ein "Bildschirm- Boden" immer glatt, glasig und hart sein muss. Er könnte ja auch aus Mikrofasern bestehen und einen textilen und weichen Charakter haben. Und wenn abends Gäste kommen, stellt man einen edles Brokatdekor ein und morgens wird er für die Kids wieder zu einem Spielzimmerfußboden mit einer Rennbahn. Multifunktion ist das Stichwort zum Boden der Zukunft: Der Fußboden könnte auch ein Möbel, Teile davon in diesen integriert sein: Schränke als heraus fahrbare Bodentanks, angeformte Sitzecken oder ein Bodenbelag der auf einer Wand weitergeführt wird.
Sie verweisen darauf, dass vergangene Strömungen oft "Potenzial zu Neuem" besitzen. Können Sie hierfür Beispiele nennen?
Wichtig ist unser methodischer Ansatz >>Zukunft braucht Herkunft<<. Die aus der Vergangenheit überlieferten Muster, Strukturen oder früher verwendete Werkstoffe sollten unbedingt bevor sie zitiert oder modifiziert wieder eingesetzt werden auf ihre aktuelle gesellschaftliche Verträglichkeit heißt gestalterische oder werkstoffbasierte Akzeptanz geprüft werden. Ein tolles Beispiel ist der Lehmfußboden, den wir zunächst mit Hütten in Entwicklungsländern oder alten Weinkellern in Europa verbinden. Lehmbau oder Lehmböden sind bei uns leider vollkommen in Vergessenheit geraten. Lehm ist aber ein sehr nachhaltiger und gesunder Baustoff, der ein Raumklima positiv beeinflusst. Lehmböden sind hart, robust und pflegeleicht, können leicht ausgebessert oder einfach erneuert werden. Auch würde mit diesem das Thema Nachhaltigkeit ganz direkt gespielt. Das wären Produktentwicklungen mit viel Potential. Tradierte Werkstoffe auf Zukunft einzustellen. Dann wäre auch ein Lehmboden in ganz vielschichtigen Anwendungsbereichen vorstellbar.
Denken Sie an eine Neubauwohnung, wo anstatt eines Zementestrichs und eines Holzparketts ein Lehmfußboden auf die Ortbetondecke aufgebracht wird?
Warum nicht?!
Herr Schlegel, wir danken für das Gespräch!
Robert Mehl, Aachen