Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Patch 22
Typ:
Wohngebäude
Ort:
Amsterdam [Karte]
Staat:
Niederlande
Architekt:
Materialien:
Leimholz, Holzwandelemente, Betonfertigteile
Publiziert:
VISO 03/2017
Seiten:
72 - 77
Inhalt:
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Patch 22, Amsterdam, Tom Frantzen

Nicht von Pappe

Auf einer Hafenbrache in Amsterdam ist das höchste Holzgebäude der Niederlande entstanden, ein fünfgeschossiges Apartmenthaus. Holzbau gilt in Holland als besonders wertig. Zudem suchte die Stadt hier nach einem nachhaltigen Gebäudekonzept.
Nähert man sich gerade als Architekt dem Bau an einem Seitenarm des Johan van Hasseltkanaal, so fühlt man sich unwillkürlich an ein Arbeitsmodell aus Wellpappe erinnert. Die einzelnen Geschossebenen scheinen wie leicht verschoben aufeinandergelegt und die unvermeidlichen Kartonstege finden in den überdimensionalen Diagonalen der Balkonloggien eine formale Entsprechung. Darauf angesprochen, lächelt der Architekt Tom Frantzen und korrigiert, dass er weniger an Kartonagen, denn an Streichholzschachteln dachte, die er zu einem lockeren Turm stapelte.
Projektentwicklung
Patch 22 entstand auf dem früheren Werksgelände des Flugzeugbauers Fokker. Aufgeteilt in Einzelgrundstücke vergab die Stadt diese im Rahmen von Bieterverfahren. Für die Parzelle 22 führte man jedoch einen Wettbewerb durch, um das nachhaltigste Gebäudekonzept zu finden. Den Kaufpreis legte man zuvor auf 1,9 Mio. Euro fest. Durchsetzen konnten sich Tom Frantzen und Claus Oussoren mit einem fünfgeschossigen Apartmenthaus, das in weitgehender Holzkonstruktion errichtet vollflexible Grundrisse aufweist, die noch nach Jahren kurzfristig verändert und umgenutzt werden können. Ihr Gebäude ist CO2-neutral und besitzt auf der auf 10 limitierten niederländischen GPR- Skala (einem Pendant zur LEED- Zertifizierung) einen Wert von 8,9.
Ein Holz- Beton- Hybrid
Das Gebäude ist eine Mischkonstruktion von Betonfertigteilen und Holzsandwichelementen. Während das Erdgeschoss und der Gebäudekern aus Beton bestehen, wurde für die tragende Pfosten- Riegelkonstruktion 50 x 50 cm starkes Leimholz verwendet. Beton kam nicht nur aus Gründen des Schall- und Brandschutzes zur Anwendung, sondern auch, um das Gebäude insgesamt schwerer zu machen. In den Niederlanden herrschen starke Winde vor, die es erfordern, reine Holzbauten an ihren Fundamenten aufwändig auch gegen Zugkräfte zu sichern, da sie zu leicht sind.
Die Leimholzkonstruktion ist um 80 mm überdimensioniert, um im Brandfall kontrolliert abzubrennen, dabei aber noch 120 min. lang standsicher zu sein. In den Niederlanden ist so ein Bau ein Novum, in der Schweiz wurde ein solches Brandschutzkonzept erstmals 2013 bei dem Zürcher Tamedia- Gebäude umgesetzt.
Auf dem hölzernen Tragwerk ruht eine Deckenkonstruktion aus 70 mm dünnen und 9 x 2,70 m messenden Betonfertigteilen, auf denen 400 mm hohe Stahlwabenträger aufliegen. Werkseitig wurde beides mit Anhydritestrich vergossen. Die Stahlträger erhielten an ihren Kopfenden Vorlagen, mit denen diese auf den Leimholzbindern aufliegen. Der Detailschnitt suggeriert zwar, dass die Deckenelemente in einer Ausklinkung ruhen, was aber nur eine Anschlusskaschierung ist. Im Brandfalle würde dieser Holzüberstand zu schnell verbrennen und damit die gesamte Decke kollabieren.
Die statisch wirksamen, jedoch offenen Wabenträger ragen ca. 35 cm aus der Betondecke hervor und wirken wie Füße einer Hohlraumdecke. In diesem Hohlraum verläuft die gesamte Haustechnik. Belegt wurden die Träger schließlich mit stahlverstärkten Leichtbetonelementen, auf die ein 70 mm starker Estrich aufgebracht wurde, in dem auch die Fußbodenheizung verlegt wurde.
Holzwandkonstruktion
Die gesamte Fassade besteht aus vorgefertigten Holzbauelementen. Während die Loggien ab Werk mit den bodengleichen Fenstern erstellt wurden, führte man an den Stirnseiten die geschlossenen Teilflächen als Sandwichmodule aus. So stellten die Monteure des ebenfalls mit der Holzmontage beauftragten Betonfertigteilherstellers erst die geschosshohen, immer bis zu den Fensterlaibungen reichenden Wandelemente her und fügten dann dazwischen die Schlitzfenster, deren Stürze und Brüstungen. Äußerlich erhielt die Fassade eine Lattung aus künstlich gealtertem Douglasienholz. Die markanten Loggia- Streben sind kein wesentlicher Bestandteil der Gebäudeaussteifung, da sie zu weit außen liegen und die Querkräfte in den Versorgungskern eingeleitet werden.
Die verschränkte Anordnung der Geschossebenen machte die Wasserführung auf der Fassade zu einer zentralen Fragestellung des Entwurfs. Sie erfolgt im Vordachbereich über ein Metallprofil, eigentlich ein Standarddetail. Jedoch wird dieses hier auch unter den Loggiaüberständen fortgeführt, womit eine durchgehende Linie entsteht. Es unterstreicht die sinnfällige Illusion, das Patch 22 aus einer lockeren Schichtung von Geschossen besteht.
Robert Mehl, Aachen