Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Erweiterung des Naturkunde Museums
Typ:
Museum
Ort:
Berlin [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Diener & Diener 🔗, Basel
Materialien:
Betonfertigteile, Glas
Publiziert:
Beton Bauteile 2012-1
Seiten:
18 - 23
Inhalt:
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Neubau des Ostflügels des Berliner Naturkundemuseums

Irritation durch Vergegenwärtigung

Im September 2010 wurde in Berlin der im Zweiten Weltkrieg zerstörte Ostflügel des Museums für Naturkunde neu errichtet. Dabei rekonstruierte das Schweizer Architekturbüro Diener & Diener die verlorene Fassade in zeitgemäßer Bauweise: in Betonfertigteilen.
Die weltweit größten und zusammengefügten Skelette von Dinosauriern befinden sich im Museum für Naturkunde in Berlin. Die dort bestehende Sammlung fußt auf der umfangreichen Sammlung des Naturforschers Alexander von Humboldts, der jene in den Anfängen des 19. Jahrhunderts anlegt hat und die schon alleine aufgrund ihres eigenen Alters als bedeutsames Kulturgut gilt. Der Bau selber wurde zwischen 1885 und 1889 nach den Plänen von August Tiede errichtet. Während des Zweiten Weltkriegeswurde allein der Ostflügel im Februar 1945 durch eine Brandbombe zerstört. In den Nachkriegsjahren wurde dieser Gebäudeteil zunächst nicht wieder aufgebaut. Er blieb bis 2006 eine provisorisch regensicher gemachte Ruine. 1995 gewann das Basler Architekturbüro Diener & Diener Architekten den 1. Preis in einem als Wettbewerb ausgeschriebenen Gutachterverfahren zur Modernisierung und Sanierung des Museums. In den folgenden Jahren folgte eine umfassende Renovierung von fünf Sälen einschließlich des großen Sauriersaales im Erdgeschoss, die 2007 zum Abschluss kam. Darüber hinaus war die Wiederherstellung des Ostflügels ist Teil des architektonischen Gesamtkonzeptes von Diener & Diener Architekten.
Entwurfsansatz
Roger Diener sieht in der von seinem Büro gewählten Form des Neubaus des Ostflügels eine Parallele zur Rekonstruktion der Alten Pinakothek in München in den Jahren 1952 bis 1957 von Hans Döllgast. Auch dieser rekonstruierte die zerstörten Gebäudeteile, beließ die neu ergänzten Elemente jedoch in einer rohen, unvollendet anmutenden Schlichtheit, so dass die baulichen Ergänzungen ablesbar blieben. Ebenfalls beließ Döllgast die Kriegsspuren, wie etwa Einschusslöcher im Bestand, so dass auch die Ursache der vormaligen Beschädigung erfahrbar blieb. Diener unterstützt diese geistige Haltung und sieht darin den „schmerzhaften Ausdruck einer Verantwortung die Geschichte nicht zu überformen, die in den Zerstörungen des Bauwerks Niederschlag gefunden hat. Eine vergleichbare Wirkung wollte der Schweizer Planer auch bei dem Neuaufbau des Ostflügels erreichen. Gleichzeitig sollte die Ergänzung aber in einer aktuellen Bautechnik erfolgen und ein „Kind seiner Zeit“ sein: denn auch der Neubau selber ist für das Gesamtensemble ein zeitgeschichtlich relevantes Ereignis.
Die Konstruktion
Die Wahl fiel auf Betonfertigteile. Mit den nunmehr gegossenen Wandteilen ist die ursprüngliche Konstruktion und Materialität bedeutungslos geworden, weswegen die Architekten den wiederhergestellten Gebäudeteil als Neubau ansprechen und nicht als Rekonstruktion ansehen. Denn auch die effektiven Grundrisse folgen den aktuellen Notwendigkeiten und nicht den historischen Vorlagen, abgesehen von der äußeren Dimension. Die an den historischen Bestand erinnernde Oberfläche wurde generiert durch Silikonabdrücke, die an den erhaltenen Mauerfragmenten abgenommen wurden und als Matrizen in die Gussformen der Betonfertigteile eingelegt wurden. Bewusst wurden die vorgefundenen Beschädigungen nicht ausgebessert, sondern als Zeitzeugnisse redundant reproduziert.
Fazit
Tatsächlich wirkt die neue Fassade mit ihrem Detailreichtum sowie der augenfälligen Erkenntnis, dass es sich nur um einen Abguss in Beton handeln kann, auf den Betrachter verstörend. Dies ist ein Effekt, den der Bau mit der Wiederherstellung der Alten Pinakothek gemein hat. Trotzdem ist der Ansatz ein sehr unterschiedlicher. In München wurden die Ergänzungen in Ziegel vorgenommen. Sie erhielten so einen Rohbau- Look und wirken schlichter und ungeschminkter in ihrer naturhaften Materialität. In Berlin irritiert dagegen der Formenreichtum einer relativ großen und in ihrer grauen Farbigkeit homogenen Fläche. So neu diese auch wirkt, ihre Botschaft ist eindeutig: „Es sind die Spuren der Zeit, die mich geprägt haben.
Robert Mehl, Aachen