Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Leitstelle der Feuerwehr
Typ:
Feuerwehrwache
Ort:
Köln [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
BFM-Architekten 🔗, Köln
Materialien:
Betonfertigteile, Stahl, Glas
Publiziert:
Beton + Fertigteiljahrbuch 2009
Seiten:
26 -31
Inhalt:
[Artikel]      
 

Zentrale Leistelle der Kölner Berufsfeuerwehr

112 - Das Gehirn

 
Die gute Nachricht lautet: Infolge des vorbeugenden Brandschutzes werden „klassische“ Hausbrände immer seltener. So selten, dass ein solcher Brand der lokalen Tagespresse grundsätzlich eine Meldung wert ist. Die schlechte Nachricht lautet: In den letzten zehn Jahren hat sich die Anzahl der eingehenden Notrufe allein in Köln annähernd verdreifacht: auf 600 000 Telefonate pro Jahr. Etwa drei viertel davon sind notärztlicher Natur, das Gros der Brände machen angezündete Müllcontainer aus. Um die durchgängige Erreichbarkeit der Notrufnummer im Zuständigkeitsbereich der Kölner Berufsfeuerwehr weiterhin sicher zu stellen, war es notwendig, die Anzahl der Annahmeplätze auf 18 zu erhöhen. Weiter benötigte die Stadt Köln ein geeignetes Lagezentrum für die nicht-polizeiliche Gefahrenabwehr, also einen Ort von dem aus alle kommunalen Kräfte für Großereignisse zentral koordiniert werden können. Die Polizei als Landesbehörde unterhält analog dazu einen eigenen „war room“. Die Großereignisse, für die man hier zusammen kommt, müssen dabei nicht zwingend dramatischer Natur sein. Seine Feuerprobe bestand die Einrichtung mit dem katholischen Weltjugendtages im Jahr 2005.

Vision

Im Vorfeld der Planung zu diesem Bau stellten sich die Architekten Stephan Böhm, Jürgen Flohre und Maria Mocanu die Frage, welche bauliche Entsprechung eine solche Schalt- und Leitzentrale – also ein Ort, an dem alle Fäden zusammenfinden – besitzen sollte. Zudem sollte den veränderten Sicherheitsstandards unserer heutigen Zeit Rechnung getragen werden. Der Bau sollte auch physisch vor etwaigen Übergriffen potentieller Terroristen schützen. Ihr Entwurf versteht sich als ästhetisches Zeichen, das über die reine Funktionalität hinaus Assoziationen wie eine schützende Burg, ein Fels in der Brandung oder als Verweis auf den Erzfeind loderndes Feuer gestattet. Die expressiv mit polygonalen Ausschnitten perforierte Fassade des dominanten Rundlings lässt aber auch einen organischen und nicht minder treffenden Vergleich zu: den eines Gehirns.

Baukörper

Der Neubau besteht aus zwei eigenständigen Baukörpern: einem Zylinder mit einem Durchmesser von 46,5 m und einem knapp 60 m langen Gebäuderiegel. Verbunden sind diese miteinander über ein mehrgeschossiges, gläsernes Foyer. Bei dem Projekt handelt es sich um eine Ergänzung an die seit den 70er Jahren bestehende Hauptfeuerwache, in der weiterhin der Rettungsfuhrpark, große Teile der Verwaltung und die Ruheräume der Wehrmänner untergebracht sind. Über einen diagonal orientierten Skywalk und einen vor dem Bestandsgebäude angeordneten zweigeschossigen Verbindungsbau sind die alten und neuen Bereiche fußläufig miteinander verbunden. Dessen Außenwand schließt an die Fassadenflucht des Riegels an, wodurch eine fast 100 m lange, rote Wandscheibe geschaffen wird, welche allein durch ihre Farbe einen Bezug zu dem exzentrischen Körper herstellt und so erst die architektonische Figur – auch im Kontext zu dem eher unattraktiven Bestand – stimmig erscheinen lässt.

Raumorganisation

Errichtet wurde der Anbau auf einem dreieckigen Grundstücksareal, das den maximal zulässigen Bebauungsbereich gemäß Flächennutzungsplan darstellt. Zusätzlich galt es einen alten Eichenbestand zu schonen. Neben der Nutzung als Leitstelle und Lagezentrum wurde in der Erweiterung auch die zuvor dezentral in Köln organisierte Feuerwehrschule an einem Ort zusammengeführt. Deren Seminar- und Hörsaalräume sind in dem langgestreckten Riegel untergebracht. Der praktische Ausbildungsbetrieb erfolgt dagegen in den unteren Geschossen der Leitstelle. In den hier vorhandenen 14 Garagenstellplätzen parken ausschließlich für Lehrzwecke genutzte Einsatzfahrzeuge. Zusätzlich befinden sich hier Lehrwerkstätten, Musterräume für sanitätsdienstliche Rettungsübungen sowie die entsprechenden Umkleide- und Sanitärräume. Die Ebenen der Leitstelle besitzen einen um eine Mittelachse symmetrischen Grundriss. Das Pendant zu der etwa 360 m2 großen Notrufzentrale im zweiten Obergeschoss ist eine derzeit als Dachterrasse genutzte Erweiterungsfläche. Sie gestattet mit nur geringem Aufwand eine Kapazitätssteigerung für den Fall, dass Rettungseinsätze auch außerhalb des Kölner Stadtgebietes von hier aus gesteuert werden sollen. Das Volumen der Notrufzentrale erstreckt sich über zwei Vollgeschosse. Während die Flanken vollverglast sind, weist die nach innen gewandte Stirnseite zwei Fensterbänder auf. Während die untere jeweils Blickbeziehungen zwischen dem Großraum und den Einzelbüros der Führungskräfte ermöglicht, stellt die obere Reihe eine optische, aber schalldichte Verbindung zum Feuerwehr- Lagezentrum her. Der Raum, dessen winkelförmig angeordnete Tischreihen allesamt auf eine große Leinwand gerichtet sind, wird allerdings nur bei Bedarf besetzt.

Roter Mantel

Wie eine Palisade umgibt ein Mantel aus 32 roten durchgefärbten Betonfertigteilen die Einsatzzentrale. Jedes, der mit einem Radius von 23,25 m gekrümmten und 25 cm starken Elemente besitzt eine Höhe 16,5 m und eine Breite von 4,52 m. Die Dimensionen stellen das Maximum dar, was man auf einem dieser typischen Schwerlast- Lkw transportieren kann, die in der geschlossenen Bauweise gerne für Glas- Großtransporte eingesetzt werden. Um den roten Farbton zu generieren, wurde dem Beton Eisendioxid sowie rötlicher Kies und Sand als Zuschlag beigeben. Ziel war es dabei, einen maximal-intensiven Rotton zu erzeugen. Dieses war insofern kritisch, da eine Überdosis des Eisendioxides zu einem Farbumschlag ins Braune führt. Die komplex anmutende Anordnung der polygonalen Perforationen mit den durchlaufend ansteigenden Diagonalen wurde mit nur zwei verschiedenen Basis- Elementen erreicht. Allerdings ist jedes zweite Fertigteil mit invertiert angeordneten Öffnungen erstellt worden, so dass jedes fünfte Element vom Prinzip einander gleicht. Die frei vor den inneren Baukörper stehenden Fertigteile fußen auf einem umlaufenden Ringfundament und wurden mit den Einbauten über Bewehrungsanker zusätzlich verbunden. Ihre Stoßkanten besitzen eine halbrunde Nut, in die auch Armierungsstähle hineinreichen. Waren zwei Fertigteile auf Position gebracht, bildete sich an ihrem Stoß ein aufgehender, runder Hohlraum, der nunmehr mit Ortbeton vergossen werden konnte. Auf diese Weise konnte auch auf einen stabilisierenden Ringanker verzichtet werden. Obwohl es sich hier um einen regulär verdichteten und nicht um einen selbstverdichtenden Beton handelt, waren die Architekten schon bei den ersten Probegüssen von der makellos glatten Oberfläche der werksmäßig hergestellten Betonkörper angetan. Tatsächlich war im Vorfeld eine nachträgliche Oberflächenbearbeitung erörtert worden, diese lies man jedoch fallen, da man in jedem Fall den entstandenen Glanzeffekt erhalten wollte. Lediglich eine werkseitige Hydrophobierung der Fertigteile ist vorgenommen worden.

Skulpturaler Charme

Wie ein Haus im Haus wurden die geschlossenen Nutzungsvolumina in das rote Rund eingefügt. Deren konventionell errichtete Wände wurden mit einem Wärmedämmverbundsystem isoliert und im Kontrast zu den Fertigteilen in einem hellen Grauton gestrichen. So transparent der perforierte Betonmantel auch nach Außen erscheinen mag, so massiv schützt er doch vor einem zu offenherzigen und damit sicherheitsrelevanten Einblick. Während man von der Notrufzentrale aus über die jeweils gut 100 m2 großen Panoramafronten einen durch die Fertigteile nur bedingt verstellten Blick in das Umfeld hat, nimmt man als Außenstehender kaum die Existenz einer solchen, eigentlich unübersehbaren Glasfläche wahr. Tatsächlich besitzt der rote Zylindermantel ein wenig den Charakter eines Schutzschildes. Er verleiht den darin tätigen Menschen die notwendige Distanz, um in Zeiten eines Feuersturms einen kühlen Kopf zu behalten.
Robert Mehl, Aachen