Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Wörtherseestadion / Hypo-Arena
Typ:
Fußballstadion
Ort:
Klagenfurt [Karte]
Staat:
Österreich
Architekt:
A. Wimmer 🔗, Wien
Materialien:
Betonfertigteile, Stahl
Publiziert:
Beton + Fertigteiljahrbuch 2009
Seiten:
36 - 40
Inhalt:
[Artikel]      
 

Rückbau des Wörtherseestadions in Klagenfurt/A

Rang, schlank geschrumpft

 
Vor der mächtigen Bergkulisse der Karawanken spielte sich im vergangenen Frühsommer das schillernde Spektakel der Europameisterschaft ab. Eigens für das Ball- Spektakel wurde ein neuer Sportpark auf halbem Weg zwischen der Innenstadt und dem 3 km entfernt gelegenen Wörthersee angelegt. Ihm weichen musste das alte Stadion, das den hohen Anforderungen an Sicherheit und Kapazität nicht mehr entsprach. Aus der Luft besitzt das neue Stadion die Anmutung eines großen C. Dem offenen Zwischenraum des Buchstaben entspricht dabei der quaderförmige VIP- Bereich, der aufgesetzt auf die unteren Ränge auf der See- und somit der Westseite der Sportstätte ruht und mit diesen zusammen die Haupttribüne bildet. Während nach innen die Logen boxenartig weit über den Unterrang hervorragen, wurde die Außenfront dieses zentralen Baukörpers bis auf die Geländehöhe hinabgeführt. Sie bildet die repräsentative Eingangsfassade des neuen Kärntner Fußballkessels. Der liegende Quader birgt neben den Logen auch den Medien- und Sicherheitsbereich sowie in den Geschossen darunter die Verwaltung, die Umkleide- und natürlich die Mannschaftskabinen. Eine langgezogene, auf über 9 m ansteigende Rampe führt ebenfalls von Westen her tangential an den Bau heran. Sie leitet elegant den Zuschauerstrom seitlich an der Schauseite der Arena vorbei und führt hinauf auf seine Hauptverteilerebene, die gleichzeitig die Zäsur zwischen Ober- und Unterrang bildet. Der erhöhte Erschließungsbereich gestattete es gleichsam, das Spielfeld auf Erdgeschossniveau zu belassen. Die nicht unübliche Schaffung einer im Erdreich vertieften Rasenfläche konnte so unterbleiben.

Kalkulierte Schrumpfung

Das neue Wörtherseestadion, das während der EM Hypo- Arena- Klagenfurt hieß, war Austragungsort von drei Vorrundenspielen, zwei davon mit deutscher Beteiligung. In den ausverkauften Partien fanden jeweils 32 000 Zuschauer darin Platz, allerdings kamen bedingt durch das anhaltend schlechte Wetter insgesamt weniger Schlachtenbummler in die Kärntner Landeshauptstadt als erwartet. Jetzt nach dem Großspektakel besteht kein Bedarf mehr an so einer großen Sportstätte. Österreich hat aufgrund seiner deutlich geringeren Einwohnerzahl einfach auch nicht das Zuschauerpotential. Aus diesem Grund wurde der „Nachhaltigkeit“ der EM- Organisation und insbesondere der Frage der nachfolgenden Nutzung der Stadien eine besondere Bedeutung zugemessen. Das Stadion kann und wird auf weniger als ein Drittel der ursprünglichen Sitzplätze, nämlich 10 500, zurückgebaut werden. Ermöglicht wird dies durch eine konstruktive Trennung des Ober- und des Unterranges. Während letzterer aus Betonfertigteilen errichtet wurde und erhalten bleibt, besteht der obere Zuschauerbereich aus einer demontierbaren Stahlkonstruktion, die lediglich auf den Basisbaukörper aufgesetzt worden ist. Bemerkenswert ist die Bauweise des demontierbaren Ranges. Er kann als eigenständige Tribüne andernorts erneut wieder verwendet werden. Schließlich ist das Dach des Stadions so ausgelegt, dass es nach einer Demontage der oberen Ränge bis auf die Oberkante des Unterranges, also bis zur Höhe der Haupterschließungsebene abgesenkt werden kann. Dabei gehen die Planer davon aus, dass sich die zukünftige Silhouette des Bauwerkes nur gering von der ursprünglichen Ansicht unterscheiden wird.

Gründung

Zu Beginn der Maßnahme im Spätherbst 2005 wurde das alte Stadion abgerissen. Danach mussten umfangreiche Bodenverbesserungsmaßnahmen durchgeführt werden, da sich der Untergrund als schlecht und der Grundwasserspiegel infolge der nahen Lage zum See erwartungsgemäß als hoch erwiesen hatte. Um unregelmäßige Setzungen zwischen der massiven Haupttribüne und den umlaufenden Zuschauerrängen zu vermeiden, entschloss sich die Arbeitsgemeinschaft EURO 2008 bestehend aus der PORR GmbH und der Alpine Mayreder Bau GmbH gegen Betonbohrpfähle und für ein System aus Rüttelstopfsäulen und großflächigen Flachgründungen. Mit über 60 000 lfm Rüttelstopfsäulen wurde letztendlich das Stadion auf einem „schwimmenden“ Fundament errichtet. Dabei wurden die Bodenverhältnisse anhand flächendeckender Verdichtungskontrollen (FDVK) baubegleitend überwacht.

Betonkonstruktion des Unterranges

Während die Erschließungskerne des Unterranges aus Ortbeton erstellt worden sind, bestehen die Auflagerkonstruktionen der Ränge - wie diese auch selbst - aus Betonfertigteilen. Insgesamt 42 gleichartige Ständer besitzt das Tribünenrund, zwischen denen jeweils Hohldielen eingehängt worden sind. Die Haupttribüne wurde in drei Betonierabschnitte aus Ortbeton und Betonfertigteilen errichtet. Dabei kamen auch hier wieder Hohldielen für die Zuschauerränge sowie Dreifachwände und Elementdecken für die geschlossenen Bereiche zum Einsatz. Die VIP- Box liegt quaderförmig auf der Haupttribüne auf. Sie ist gut 100 m lang und ragt 8 m vor. Sie besteht aus einer Ortbetonkonstruktion, in die ebenfalls Hohlraumelemente als Decken verbaut worden sind. Sichtbar ist die elementierte Deckenbauweise nur bei den offenen Zuschauerrängen. In den geschlossenen Gebäudebereichen erfolgte ein klassischer Innenausbau mit abgehängten Mineralwolledecken und Gipskartonverkleidungen.

Fazit

Die Planung zu diesem schrumpffähigen Fußballrund stammt aus dem Atelier des Wiener Architekten Albert Wimmer. Wimmer bezeichnet sich selber als „Hobbyfußballer aus Leidenschaft“, der zu seinen umfangreichen Baurecherchen anmerkt, „dass es fast kein Stadion gibt, das er nicht persönlich besucht habe“. Diese und auch sein mehr als dreijähriger Studienaufenthalt in London habe ihn bei dem Entwurf dieses Projektes zu der typischen Gestalt britischer Stadien geführt. So werden die Zuschauer im Klagenfurter Stadion selbst in den oberen Bereichen mittels steiler Ränge so nah wie möglich an das Spielgeschehen herangeführt. Die EM hat dem Kalkül des Architekten recht gegeben. Auch wenn die spielerische Leistung insbesondere der deutschen Mannschaft nicht immer überragend war, die Stimmung der Fans auf den Tribünen war großartig.
Robert Mehl, Aachen