Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Typ:
Hochschulgebäude
Ort:
Aachen [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Rudolf Schwarz 🔗, Aachen
Materialien:
Kunde: Novoferm 🔗
Publiziert:
BHW 12/2016
Seiten:
42 - 44
Inhalt:
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Ehem. Soziale Frauenschule in Aachen

Moderat sanierte Moderne

Die heutige Katholische Hochschule in Aachen wurde 1931 als "Soziale Frauenschule" errichtet und ist eine denkmalgeschützte Vertreterin der Frühen Moderne. Zahlreiche über die Jahre erfolgte interne Umnutzungen und Umbauten machten nun ihre behutsame Sanierung erforderlich.
Als Gebäude für eine "neue und hoffnungsvolle Schulgattung" umschreibt der Architekt Rudolf Schwarz in der Zeitschrift "Die Form", Ausgabe 01/1931, den Zweck des von ihm realisierten Mädcheninternats in Aachen- Burtscheid. Einst erhielten hier junge Frauen eine Ausbildung für eine "hauptamtliche Tätigkeit als Wohlfahrtspflegerinnen", eine damals völlig neue Berufsgattung, die heute etwa den Aufgaben einer Sozialarbeiterin, einer Erzieherin oder einer Kindergärtnerin entsprechen mag. Für den Schulträger, den Katholischen Frauenbund, war es der erste Schulbau für diesen Zweck, womit dieser gleichzeitig einen Prototypcharakter erhielt. So zeigte sich die damalige Frauenbund- Vorsitzende Gerta Krabbel mehr als aufgeschlossen für das "Neue Bauen". Sie wünschte sich "eine Schule, die keine Schule, sondern vielmehr eine Siedlung ist", weshalb der Modernist ein Gebäude ersann, das er in obigem Artikel mit einer Klosteranlage verglich.
Zahlreiche Umbauten
Tatsächlich erscheint das mehrgeschossige Unterrichtsgebäude wie eine Kirche neben einem eingeschossigen Kreuzgang, in dem die Unterkünfte der 31 Schülerinnen untergebracht waren. Dieser Flügel umschließt C-förmig einen quadratischen Innenhof, zu dem alle rd. 10 m² großen Einzelzimmer zusätzlich einen terrassenförmigen Zugang besaßen. Man betrat schon damals den auf einer Hügelkuppe gelegenen Komplex über sein östliches Sockelgeschoss, wo sich auch eine Hausmeisterloge und die Verwaltung befanden. Schon vor der 2012er Sanierung wichen diese Büros einer kleinen Kantine. In der Nachkriegszeit erhielt die Schule eine Kapelle, die jedoch bei der erwähnten Sanierung in eine Aula umgebaut wurde. Zeitgleich fügte das mit dieser Konversion beauftragte Kölner Büro Krense Architekten hier einen Bibliotheksneubau an.
Die ursprüngliche Aula im ersten Obergeschoss des Unterrichtsflügels hatte schon in den 1970er Jahren ein ansteigendes Gestühl erhalten, auch waren die ehemaligen Wohnungen für den Hausmeister und die Direktorin sowie die Mädchenjugendherberge im zweiten Obergeschoss für die Lehre umgenutzt worden. Die gesamte Vertikalerschließung organisierte sich fortan über das zum Innenhof orientierte, gläserne Treppenhaus, das ursprünglich nur über eine Ebene hinweg die Aula erschloss. Mit diesem ersten großen Umbau erhielt es eine Aufstockung und führte damit auf sämtliche Etagen. 1991 wurde es um einen Aufzug ergänzt, dessen Schacht eine ganze Fensterachse einnimmt und seitdem behindertengerecht den Sockeleingang mit allen Raumebenen verbindet.
Gebäudesanierung mit "Brandschutzauge"
Im Zuge der zahlreichen Umbauten und der damit einhergehenden formellen Nutzungsänderungen (aus einer Schule für weniger als 100 Personen wurde eine Hochschule für knapp 1.000 Nutzer), beauftragte der Eigentümer, das Bistum Aachen, das Planungsbüro der Architektin und Brandschutzsachverständigen Erika Wald mit einer aktuellen Bestandsaufnahme. Von großem Vorteil war dabei, dass zu architektonischen Gestaltungsfragen die Expertise von Maria Schwarz (*1921) eingeholt werden konnte. Die bis heute sehr agile Witwe von Rudolf Schwarz (*1897 - 1961) engagierte sich sehr für dieses Projekt. Natürlich stand der Brandschutz im Vordergrund, allerdings war das Planungsbüro auch mit der generellen Sanierung betraut.
So musste zunächst auf Drängen von Maria Schwarz die beiden früheren, nicht denkmalgerechten Fluchtwege entfernt werden. Die als Hörsaal genutzte Aula im 1. OG wurde zuvor über eine stählerne Stegkonstruktion entlang der hofseitigen Fassade auf das Dach des eingeschossigen Gebäudeflügels entfluchtet. Dort musste die Feuerwehr die Flüchtenden mit Leitern retten. Der zweite demontierte Fluchtweg bestand in einer feuerverzinkten Spindeltreppe, vor der Nordwand des Treppenhauses. Hierbei stellt Erika Wald fest, dass es für den Baufortschritt deutlich unproblematischer ist, wenn eine kompetente die Bauleitung durchgehend alles mit einem „Brandschutzauge" sieht, als wenn ein externer Sachverständiger die Baustelle in größeren Zeitabständen begutachtet.
Das doppelte Treppenhaus
"Eine Sprinkleranlage ist immer der allerletzte Strohhalm. Diese wäre hier zum einen sehr teuer gewesen, auch hätte man mit der notwendigen Verrohrung massiv in die Baukonstruktion eingreifen müssen. Zudem müssten ein feuerbeständiger Technikraum und größere Wassertanks vorgehalten werden, weshalb wir bestrebt waren, es anders zu lösen", erläutert Erika Wald ihr Vorgehen.
Kritisch war, dass der große Hörsaal nur eine Tür besitzt, was zulässig ist, sofern diese auf einen "notwendigen Flur" (in dem sich nichts Brennbares befinden darf, keine hölzernen Möbel, keine Plakate etc.) mündet, von dem wiederum zwei Treppenhäuser abgehen. Die Lösung fand sich in einem brandschutztechnischen Kunstgriff: Unmittelbar neben dem Bestandstreppenhaus wurde ein stilistisch annähernd identisches Zweittreppenhaus errichtet, das ebenfalls über eine ganze Fensterachse spannt. Zusammen mit der dritten vorspringenden Achse, dem Fahrtstuhlschacht, erscheint die Vertikalerschließung jetzt wie ein im Goldener Schnitt vor das Gebäude gestellter Risalit. Allerdings galt es die Detaillierung des neuen Gebäudeteils möglichst dem Bestand nachzuempfinden, wozu dieser instandgesetzt werden musste.
Auf der Bestandstreppe befand sich ein PVC- Belag, der aus Brandschutzgründen entfernt wurde. Die Entdeckung war ein Zufall: unter dem alten Belag stieß man auf einen gut erhaltenen Terrazzoboden. Diesen ließen die Planer durch Natursteinsanierer freischleifen. Auch bestätigte sich die Vermutung, dass die einläufige Treppe zum Sockelgeschoss baugleich war, auch sie wurde freigelegt und instandgesetzt.<br< Die alte Treppe verfügt noch über ihr ursprüngliches Geländer, ein bemerkenswertes Zeugnis der frühen Moderne; es genießt Bestandsschutz, ist aber für Neubauten nicht mehr genehmigungsfähig: Ein "Kindernormkopf" von 12 cm Durchmesser würde knapp durchpassen, auch besitzt das Geländer verbotene Horizontalsprossen. Die Erarbeitung eines genehmigungsfähigen Geländerdetails, das auch den denkmalpflegerischen Vorstellungen genügte, war unerwartet planungsaufwändig, konnte aber zur Zufriedenheit aller gelöst werden.
Die Zwillingstreppenhäuser trennte die Planerin mit einer F90-Brandwand von den Obergeschossfluren ab. Platziert wurde sie annähernd in Flurmitte, um so Treppenabsätze zu schaffen. Während das neue Treppenhaus in den Hof mündet, führt der Fluchtweg des ursprünglichen über das Sockelgeschoss ins Freie. Damit zählen auch die zu durchquerenden Flurflächen zum Treppenhaus, weshalb die hiervon abgehenden Türen - auch zu Seminarräumen - eine T30-RS- Anforderung besitzen.
Farbige Fenster und Böden
Von Zeugnissen der frühen Moderne erwartet man weiße Putzflächen mit schwarzen Fensterrahmen - hier stimmt das nur begrenzt. Rudolf Schwarz arbeitete sehr bewusst mit Farbakzenten. Die in ihrem Querschnitt reduzierten Fensterprofile ließ er von außen hellrot und von innen teilweise schwarz, teilweise weiß fassen. Wichtig war ihm, dass die Flügel sich nach außen öffneten, damit diese den Unterricht nicht behindern. Leider konnte die ursprüngliche Konstruktion aus Kostengründen nicht wiederhergestellt werden, stattdessen wählte man anthrazitfarbene Fensterfassaden, die allerdings den Denkmalcharakter des Gebäudes angenehm betonen.
Auch den Linoleumfußböden gab Rudolf Schwarz mit Pastelltönen eine orientierende Funktion und brachte Farbe in die sonst weißen Räume. So waren die Flure ursprünglich mit blauem, die Seminarräume mit gelbem und die einstige Aula mit rotem Linoleum belegt. Leider gingen die ursprünglichen Bodenbeläge über die Jahrzehnte verloren und man entschied sich einvernehmlich, diese nicht wieder herzustellen, sondern durch einen Noraplanboden zu ersetzen. Dieser besitzt eine betonartige Anmutung hat, die sich sehr stimmig dem Gebäudecharakter anpasst.
85 Jahre altes Passivhaus
Rudolf Schwarz weist in seinem Artikel ausdrücklich auf die bewusste Ausrichtung des Festsaals nach Südwesten hin und auf den damit verbundenen Wärmegewinn durch eine intensive Raumbesonnung am Nachmittag in der kalten Jahreszeit. Er schreibt weiter, "das war hier möglich durch den glücklichen Umstand, daß die Schule während der heißen Monate Ferien hat".
Tatsächlich hat die Hochschulleitung darauf pragmatisch reagiert, als der Bau nach dem Zweiten Weltkrieg ganzjährig genutzt wurde: Man pflanzte einen Lebkuchenbaum, ein japanisches Gewächs, dessen Laub im Herbst einen Kuchengeruch verströmt. Dieser Schattenspender musste jetzt fallen, da er die Erfahrbarkeit der historischen Fassade störte. Grundsätzlich sind solche Erwägungen für das zuständige Umweltamt hinsichtlich einer Fällgenehmigung unerheblich, dem Antrag wurde dennoch stattgegeben, da der Baum näher als 5 m zum Gebäude stand und damit dessen Gründung gefährdete. Das Fällen, erinnert sich die Planerin, war tatsächlich eine "ziemliche Buddelei", die zudem mit Instandsetzungsarbeiten am Fundament verbunden war.
Brandmeldeanlage
Die denkmalpflegerische Bedeutung der Frauenschule liegt auch in ihren minimalistischen Details, wie etwa einer Deckenstärke von nur 10 cm, die deshalb nur eine Feuerwiderstandsklasse von F30 zur Folge hat. Ein ausreichender Brandschutz wurde vor allem durch den Einbau einer Brandmeldeanlage und eine Aufsplittung des Gebäudeensembles in Nutzungseinheiten erreicht. Sensibel war die Festlegung der Fluchtwege, weil der große Innenhof keine direkte Verbindung nach außen aufweist. So flüchtet man vom neueren Treppenhaus zwar direkt ins Freie, in den Innenhof; jedoch muss man dann, um sich endgültig in Sicherheit zu bringen, den Komplex im eingeschossigen Bereich wieder betreten und durchqueren. Dies geschieht erneut über einen so genannten "notwendigen Treppenraum", hier ein schleusenartiger Durchgangsraum.
Brandschutztüren aus Glas
Im Rahmen der Brandschutzsanierung sollten die Schwarz'schen Raumfluchten erhalten beziehungsweise wiederhergestellt bleiben. Dazu teilte die Planerin das Objekt in Nutzungseinheiten auf, die mit gläsernen T30-RS- Brandsschutztüren getrennt wurden. Eingebaut wurden Türen des Herstellers Novoferm, weil diese identisch aussehen, ganz gleich, welche Anforderung sie besitzen, wodurch ein einheitliches Raumbild leicht zu realisieren ist. Alle Türmodelle weisen eine 4 mm starke Wandung der Aluminiumrohrrahmen auf, was bei einflügeliger Ausführung Türbreiten bis 1,56 cm zulässt; feststehende Seitenflügel waren daher bei diesem Projekt nicht erforderlich. Ebenfalls durch den Türproduzenten geliefert wurde eine F90-Festverglasung, die das alte und das neue Treppenhaus im Erdgeschoss voneinander trennt. Erhalten wurde so der ursprüngliche Flurcharakter, der in den Originalplänen als "Wandelgang" ausgewiesen ist. Alle Türen, wie auch die Festverglasung, besitzen Querstreben in Brüstungshöhe als Hinderniswarnung. Grundsätzlich ist es zulässig, die verwendeten Contraflam- Gläser sogar vollflächig mit bis zu 240 µm starken Folien zu bekleben, ohne die Brandschutzzulassung der Türen zu gefährden. Dafür besitzen die Gläser des Herstellers Vetrotech eine bauaufsichtliche Zulassung. Aus formalen Gründen entschieden sich die Brandschutzplanerin und die Architektin Maria Schwarz jedoch für diese Kämpfer.
Innovative Haustechnik
Obwohl die 31 Schülerinnenzimmer keine eigenen Toiletten aufwiesen, besaß jedes einen separaten Waschraum mit fließend warmem und kaltem Wasser sowie einer explizit erwähnten Handbrause. Die erforderlichen Versorgungsleitungen ließ Rudolf Schwarz durch einen Kriechgang legen, der noch heute vom Sockelgeschoss zugänglich ist und weiterhin in Nutzung steht. Bei der aktuellen Sanierung wurde er lediglich umfassend gereinigt und über die Brandmeldeanlage gesichert. Eine Feuerdetektion erfolgt hier über ein wartungsfreundliches Rauchansaugsystem (RAS). Dabei wird ein perforierter Schlauch verwendet, der im zu überwachenden Abschnitt fortwährend Raumluft ansaugt und einer Detektionseinheit zuführt. Diese wird an einem leicht zu erreichenden Ort montiert, weshalb bei einem Fehlalarm niemand in den Kanal einsteigen und alle Brandmelder einzeln entschärfen muss.
Gestern und heute
Wenn man die ursprünglichen Grundrisse und Details genau betrachtet, stellt man fest, dass der Bau in den letzten 85 Jahren stark verändert wurde. Gestern wie heute ist die Konstruktion jedoch überaus stimmig und von einer beeindruckenden Planungstiefe. Das neue Treppenhaus fügt sich wie selbstverständlich in das Baudenkmal ein. Man möchte fragen: Was ist hier eigentlich neu?! Größer kann ein Kompliment an einen dem Erhalt eines Denkmals verpflichtenden Planer kaum sein.
Robert Mehl, Aachen