Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Neue Chemie der Justus-Liebig Universität
Typ:
Lehr- und Forschungsgebäude
Ort:
Gießen [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Eckhard Gerber 🔗, Dortmund
Materialien:
Publiziert:
DBZ 12/2015
Seiten:
34 - 41
Inhalt:
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Neue Chemie, JLU Gießen

Die Intelligenz der Erschließung

Chemische Lehreinheiten benötigen hochinstallierte Forschungsflächen und eine Belüftung, die enorme Luftwechselraten sicherstellt. Essentiell in der Forschung ist zudem die Kommunikation, für die eine horizontale Gebäudeorganisation unerlässlich ist. Entsprechend entstand an der Gießener Universität ein streng orthogonal organisierter und überwiegend horizontal angelegter Neubau für den Fachbereich Chemie.
„Bei hochinstallierten Forschungsgebäuden wie der Chemie Gießen sind die Planung der Infrastruktur und des technischen Gebäudemanagements schon im Entwurfsprozess bestimmende Faktoren. So entwickeln wir den Grundriss immer im Abgleich mit den technischen Anforderungen.“ So der verantwortliche Projektsupervisor Michael Halbeisen von Gerber Architekten.
Tatsächlich nimmt die Chemische Fakultät der Gießener Justus- Liebig- Universität für ihr Fach eine besondere Rolle ein: Denn hier lehrte im 19. Jhd. der gleichnamige, weltbekannte Chemiker und hier entwickelte dieser die noch heute gültigen Labor- Standards sowie zahleiche Gerätschaften, wie etwa den Liebig- Kühler. Entsprechend ist auch das Drittmittelaufkommen nicht unerheblich und erforderte repräsentative Bereiche für Symposien und Präsentationen. Allerdings ist deren Schaffung schwierig, da die es hierfür in den Kalkulationsrichtlinien von Hochschulbauten keine eigene Kostenposition gibt.
Forschungsarbeit teilt sich auf in die eigentlichen Versuche, deren Dokumentation und das Publizieren der Ergebnisse. Forschen ist aber auch stetes Kommunizieren. Wissenschaftler bewegen sich stets zwischen ihrem Büro und ihrem Labor, vorzugsweise aber nur auf derselben Ebene; Treppen sind unbeliebt und hemmen den Austausch. Mit ein Hauptgrund, warum die „alte Chemie“ der Justus- Liebig- Universität, ein ehemaliges Militärhospital in Form eines vertikal organisierten Hochhauses der 1960er- Jahre, ausgesprochen wenig beliebt war und daher nur ein geringes Interesse bestand, es zu sanieren.
Gerber Architekten aus Dortmund konnten den daraufhin ausgelobten, eingeschränkten Wettbewerb für sich entscheiden, indem sie sorgfältig die anderen Bauten des Gießener Campus, allen voran den erst zwei Jahre alten Neubau der Fakultät Biologie, genau analysierten. Denn sowohl die Labore biologischer wie chemischer Forschungseinheiten benötigen eine umfangreiche künstliche Belüftung. Früh legten sich die Planer auf eine orthogonale Gebäudestruktur mit geradlinigen Verbindungen fest. Mit Hinblick auf die erforderliche Haustechnik definierten sie eine Geschosshöhe von 4,20 m, aus der sich eine lichte Höhe von 3,85 m ergibt. Die technische Versorgung, insbesondere die großformatigen Lüftungskanäle befinden sich auf dem Dach in einer staffelgeschossartig zurückgesetzten Ebene.
Praktikumsgebäude – Bauteil A
Der Neubau des Fachbereichs Chemie besteht aus drei Bauteilen. Das Bauteil A ist ein langgestreckter Riegel, senkrecht zum Hang auf einem stark abfallenden Gelände angeordnet. Die Topografie „fließt“ darunter hinweg. An seiner westlicher Schmalseite schließt sich die „Piazza Süd“ des Universitätscampus an und definiert die Höhe des Erdgeschosses. An der Ostseite dient das Untergeschoss als repräsentatives Foyer, das sich zur Piazza Süd über eine subtile Höhenabstufung entwickelt und dem hügeligen Terrain nachempfunden ist. Eingestellte Rundstützen tragen die Obergeschosse, die an ihren Stirnseiten einen geschlossenen Charakter vermitteln, an ihren Längsseiten sich jedoch zur Landschaft und zum Innenhof hin öffnen. In ihrer Raumwirkung sind die beiden Untergeschosse sehr transparent und durchlässig formuliert. Die in den Obergeschossen angeordneten Studien- wie auch die Forschungseinheiten basieren auf einem im Laborbau gebräuchlichen Gebäudeachsmaß von 1,15 m. Sie sind im Regel- Laborbereich mit 90 cm tiefen Standard- Labor- Benches ausgestattet. An den Kopfenden des über 100 m langen Riegels befinden sich die Hauptzugänge des Gebäudesteils. Eine zentrale Magistrale, formal angelegt als Fuge zwischen dem Bauteilen A und B, erschließt die verschiedenen Funktionen von Forschung und Lehre. Die Wegführung stellt zudem eine barrierefreie Erreichbarkeit des Campusboulevards sicher.
Institutsgebäude – Bauteil B
Das sich an Bauteil A anschließende C-förmige Bauteil B, nimmt die eigentlichen Institute und Forschungseinheiten auf. Beide Bauteile zusammen umschließen den erwähnten Innenhof. Überspannt wird dieser von zwei doppelgeschossigen Verbindungsbauten, von denen einer als Brücke ausgeführt ist, welche die ersten und zweiten Obergeschosse intern kurzschließt: die berühmten „kurzen Wege“ zwischen Forschung und Lehre. Die Forschungsräume gliedern sich in drei Bereiche: das Büro, die Laborfläche sowie der Doku- Zone. Das Büro liegt an der Außenfassade und wird durch einen Flur von den anderen Bereichen getrennt. An die Labore schließt direkt die Doku- Zone an, in der die Forschungsergebnisse dokumentiert werden. Nur durch eine Glaswand von den Experimentalbereichen getrennt, orientiert letztere sich zum begrünten Innenhof. Die Laborbereiche haben die Sicherheitsstufe 2; Schleusen hierein sind jedoch nicht erforderlich, allerdings ist eine erhöhte Luftwechselrate gefordert und das Tragen eines Kittels Pflicht. Die Grundrisse sind so konzipiert, dass die Nutzer direkt von ihren Büros in die Doku- Zone gelangen können und nicht wiederholt durch den Sicherheitsbereich müssen. Vertikale Schächte in den Ecken des C-förmigen Gebäudes versorgen in zwei Richtungen die Labore in den unterschiedlichen Geschossen mit Frischluft.
Hochsensitive Geräte
In Bauteil B sind zahlreiche, hochsensitive Mikroskope und Messgeräte untergebracht, die keinen Erschütterungen ausgesetzt sein dürfen. Dazu wurden aus jeweils rd. 10 m³ Beton Massefundamente geschaffen, die entweder in einem sandgefüllten Trog oder auf Langzeitgasdruckfedern lagern. Die Hohlraumböden wurden hieran entkoppelt angeschlossen, um diese schwingungsunabhängig zu machen. Die Fußbodenflächen über den Sonderfundamenten sind farblich abgesetzt und dürfen während eines Versuches nicht betreten werden.
Die hochempfindlichen Geräte, wie etwa die NMR- Mikroskope, sind nicht nur vor Erschütterungen, sondern auch vor magnetischer Strahlung zu schützen. Hierzu war eine integrale Planung essentiell und zu den typischen Fachplanern, wurden noch Spezial- Fachplaner wie Schwingungsgutachter und EMV- Gutachter hinzugezogen. So wurde schon im Vorfeld das Laborgebäude auf seine elektromagnetische Verträglichkeit geprüft. Noch in der Entwurfsphase wurde ein Aufzugsstandort geändert, um eine elektromagnetische Abstrahlung der rotierenden Elektromotoren auf die hochempfindlichen Laborgeräte zu vermeiden.
Hörsaalgebäude – Bauteil C
Bauteil A und B bilden zusammen ein viergeschossiges Rechteck, an das sich auf der Westseite ein zweistöckiges Gebäude, das Bauteil C, anschließt. Städtebaulich vermittelt dieser Bau zwischen dem Großvolumen des Institutsgebäudes und der benachbarten, kleinteiligen Wohnbebauung. Zudem bildet es den optischen Abschluss der fußläufigen Campusmagistralen.
Das Gebäude umfasst ein neues fakultätsübergreifendes Hörsaalzentrum mit vier kleineren Sälen im Untergeschoss und einem über den südlichen beiden Sälen gelegenen, 614 Personen fassenden Auditorium. Alle Hörsäle sind in Eiche gehalten und der Boden in entsprechendem Stabparkett ausgeführt. Die hörsaaltypischen und in ihrer Konstruktion bewährten Sitzränge finden sich hier wieder und sind ebenfalls in dieser Holzart furniert.
Die Vortragsbereiche der zwei kleineren, nördlichen Vortragssäle liegen genauso auf der Untergeschossebene wie die ihrer zwei südlichen Pendants. Ihre oberen Ränge hingegen münden auf dem Niveau der Campus- Piazza. Hier gibt es Ausgänge, die insbesondere in Vortragspausen intensiv genutzt werden. Unterirdisch ist das Bauteil C mit dem verglasten Untergeschoss- Foyer des Bauteils A verbunden. Bei Symposien können so die Teilnehmer problemlos zwischen den Vorträgen, einer entsprechenden Ausstellung und möglichen Empfängen wechseln. Einem intensiven wissenschaftlichen Austausch steht hier im wahrsten Sinne des Wortes „nichts im Wege“!
Robert Mehl, Aachen