Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Herrenstraße 26
Typ:
Wohn- / Geschäftshaus
Ort:
Karlsruhe [Karte]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Materialien:
Betonfertigteile, Glas
Publiziert:
Beton Bauteile 2016
Seiten:
72 - 79
Inhalt:
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Wohn- und Geschäftshaus in Karlsruhe

Vorhangfassade wörtlich genommen

Im historischen Zentrum von Karlsruhe ist ein modernes Wohn- und Geschäftshaus in Betonfertigteilbauweise entstanden. Der markant moderne Bau negiert aber nicht das historische Stadtbild, vielmehr wurde versucht, mit ihm zwischen der linken, gründerzeitlichen Bank und dem rechten Barockbau formal zu vermitteln.
Das anspruchsvolle Baugrundstück hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. In den 1920er verkleideten die Architekten Curjel und Moser die vormals zwei Gebäude mit einer durchgehenden Fassade und fassten diese so zu einem Objekt zusammen. In dem so entstandenen geräumigen Ladenlokal eröffnete der Unternehmer Götz Werner 1973 den ersten dm- Drogeriemarkt überhaupt.
Architektonisch kam dem Bau ein schwierige Aufgabe zu, die beauftragten Stuttgarter Architekten LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei wollten mit diesem formal zwischen zwei Baustilen und Maßstäben vermitteln. Zur linken findet sich ein gründerzeitlicher Natursteinbau und rechts daneben, ein im Verhältnis dazu gedrungen erscheinendes Haus der Barockzeit. Dieses stammt aus den Anfängen der unlängst 300 Jahre alt gewordenen Planstadt Karlsruhe, die als ein Fächer um das zentrale Schloss angelegt ist.
Von dem linken Bau adaptierten die Architekten den Sandsteinton der Fassade sowie die überhöhten Bogenstellungen des repräsentativen Erdgeschosses, welches sie in vorgestellte Arkaden transformierten. Von dem rechten, dreigeschossigen Haus übernahmen die Stuttgarter Planer die Trauf- und die Firsthöhe. Die erstere findet sich als Oberkante des unteren Lochfensterbandes wieder, die zweite Höhe bildet den oberen Abschluss der Betonfertigteilfassade und ist gleichzeitig die Terrassenbrüstung des 4.OG, einem zurückgesetzten Staffelgeschoss.
Sockelartige Arkaden erstrecken sich über zwei Geschossebenen, das so ebenfalls belichtete 1.OG ist Teil der Geschäftsfläche des Ladenlokales. In den beiden Etagen darüber befinden sich Arztpraxes und Büros, im abschließenden Staffelgeschoss, wurden schließlich zwei Wohnungen angeordnet, eine nach vorne und eine nach hinten hinaus.
Fassadenfarbe
Der Sichtbeton der Fassadenbauteile erhielt Zuschläge, die diesen farblich in Richtung des Sandsteins des anschließenden Bankgebäudes gehen lassen. Bewusst sah man davon ab, sich an dem Farbton des rechten Barockbaus zu orientieren, da es sich hier um eine vergängliche Farbfassung auf einer verputzten Außenhaut handelt. Einerseits verblassen solche Farben zu schnell, zum anderen wüsste man gar nicht, ob diese überhaupt dem ursprünglichen Anstrich entspricht, auch sei völlig offen, ob in zehn Jahren der Nachbarbau noch diese Farbe hat, so der Architekt Arno Lederer.
Die Rückseite des Gebäudes liegt an einem kleinteiligen, eher intimen Hinterhof, eine in Karlsruhe häufig anzutreffende Situation. Entsprechend führten die Architekten den Bau an dieser Stelle eher zurückhaltend aus und realisierten hier eine verputzte Lochfassade mit Einzelfenstern.
„Betonfenster“
Der Architekt Lederer gibt zu Bedenklen, dass in unserer heutigen Zeit mit den entsprechenden Nutzungsansprüchen, die für Karlsruhe traditionelle Lochfassadentypologie des barocken Stadtbaumeisters Friedrich Weinbrenner unvorteilhaft sei, und man als Architekt dazu neigt, Fassaden mit durchgehenden Fensterbändern zu entwickeln. Das ist natürlich in einer historischen Innenstadt, wie Karlsruhe nicht machbar. Deshalb hat das Büro LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei ein opakes Fensterdetail entwickelt, das am Tage vollkommen zurücktritt und ein Betrachter nur die, auch regulär zu öffnenden Fenster, aus der Distanz wahrnimmt.
Tatsächlich ging der Umsetzung ein langwieriger Bemusterungsprozess vorweg, der auch nicht im Büro, sondern ausschließlich vor Ort erfolgen konnte. Denn die Färbung des transluzenten Glases changierte erheblich mit dem Einfallswinkel der Sonne und der Tageslichtfarbe.
Konstruktiv bestehen diese Fensterelemente aus einem umlaufenden Flachstahlband, dass jeweils in der Vorhangfassade aus Betonfertigteilen sitzt. Die opaken Scheiben wurden darin als Festverglasung einsilikoniert. Sie fungieren als so genannte Prallscheibe und besitzen keine thermische Funktion. Die erforderliche Dämmung wird erreicht, über reguläre Fenster, die dahinter in der tragenden Rohbauwand sitzen. Von innen gesehen bilden damit diese, zusammen mit den von außen offensichtlichen und regulär zu öffnenden Außenfenstern eine Flucht. Auf den Bildern ist gut zu erkennen, dass die opaken Flächen, entsprechend ein wenig vor diesen angeordnet sind.
Der sinnfällige Effekt bei Tage ist, dass nach außen hin die Fensterachsen des Neubaus sich harmonisch in das Stadtbild einfügen, während seine Innenräume eine bemerkenswert helle Atmosphäre besitzen. Denn von innen erscheint die Fassade tatsächlich durchgehend wie ein Fensterband, bei dem die opaken Glasflächen so wirken, als wäre hier nur ein Vorhang zugezogen – eine Vorhangfassade im wahrsten Sinnes des Wortes.
Bei Dunkelheit allerdings, wird der hermetische Eindruck weitgehend aufgelöst und auch die „blinden“ Fenster beginnen zu leuchten. Tatsächlich bekommt der Bau eine Anmutung von Fensterbändern, die aber durch die schmälere Breite der Festverglasungen weiterhin geteilt ist. Zusammen mit den Erdgeschossarkaden erhält die Fassade so eine rhythmische Gleiderung.
Treppe
Auch die Treppenläufe bestehen aus Betonfertigteilen, die nach Erstellen des Treppenhausschachtes von oben mit einem Kran eingelassen wurden. Hier weist Arno Lederer darauf hin, dass dies immer wieder eine hochdiffizile Angelegenheit sei. Schließlich müssten die Elemente beschädigungsfrei eingebracht werden, was sowohl sie selber, wie die umgebenden Wandungen betrifft. Dabei sind sie ja absolut passgenau hierfür gefertigt worden, was bedeutet, dass es kein großes „Spiel“ beim absenken gibt. Da das Montieren der Fertigteiltreppenläufe während der Rohbauphase geschieht, sind unmittelbar danach die Stufen zu schützen - aber auch dieses erfordert viel Erfahrung. So dürfen die Elemente nicht „zu frisch“ sein, weil durch den fortschreitenden Abbindeprozess Tauwasser ausfällt, sich von innen sich an der schützenden Folie niederschlägt und zu irreversiblen Flecken im Beton führt.
Fallender Vorhang
Auch in der vertikalen haben sich LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei an den Dimensionen des urbanen Kontextes orientiert, sie wurde in den Gebäudeachsen aufgenommen. Äußerlich ablesbar, ist dies an der vertikalen Vor- und Rücksprüngen der Fassade, die so eine vielfache vertikale Faltung erfährt und zudem statisch wirksam ist. Tatsächlich verleiht diese formale Geste der Fassade, insbesondere im Kontext mit den nach unten sich verjüngenden Arkadensockeln, den Charakter eines Theatervorhanges, einem klassisches Acceccoire, hinter dem sich oft etwas neues, ja Unerwartetes verbirgt - wie auch hier. Die Vita von Jórunn Ragnarsdóttir legt diesen Kunstgriff durchaus als bewusste Tat nahe, schließlich war die Architektin und Büromitinhaberin jahrelang als Bühnen- und Kostümbildnerin am finnischen Staatstheater tätig.
Robert Mehl, Aachen