Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Typ:
Gemeindezentrum / Kirche
Ort:
Aachen [Satellit]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Materialien:
Publiziert:
db 07-08/2019
Seiten:
64
Inhalt:
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Evangelische Genezarethkirche, Aachen

Indirekte Erleuchtung

((ungekürzte Fassung))
Es gibt sie auch in der heutigen Zeit: Kirchenneubauten. Entgegen dem allseits beklagten Trend der Kirchenschließungen ist die grenznah im Aachener Westen gelegene Genezarethkirche, nach St. Marien in Horumersiel- Schillig und St. Matthäus in Bremen bereits der dritte, nach 2014 entstandene Kirchenneubau, den der Autor spontan kennt. Es passt dann wieder, dass ihr Bedarf aus der Zusammenlegung zweier evangelischer Gemeinden erwuchs und der rd. 5,2 Mio. Euro teure Bau weitgehend über den Verkauf, der beiden attraktiv gelegenen Immobilien finanziert wurde.
Errichtet wurde der Siegerentwurf eines Architektenwettbewerbes, den 2012 das Büro Weinmiller Großmann gewonnen hatte. Es entwarf einen Kirchenraum wohl mit zahlreichen, verdeckt angeordneten Oberlichtern, aber ganz ohne Fenster. Der stilistisch sehr zurückgenommene Innenraum wird allein durch indirekte Lichtschächte illuminiert. Dennoch übernimmt das Berliner Büro bewusst Elemente des klassischen Kirchenbaus, was Gesine Weinmiller so erläutert:
„Es gibt ein Hauptschiff, den Obergaden, die Seitenschiffe und die Apsis. […] Alle diese Bauteile werden jedoch indirekt belichtet, so dass eine sehr besondere Lichtatmosphäre entsteht. Der Besucher der Kirche wird vom diffusen Licht umfangen und es entsteht ein Raumeindruck, den er nicht kennt. Diese Neuformulierung des sakralen Raumes war Grundanliegen der Konzeption.“
Auch wenn nicht konkret auf bestimmte Details verwiesen werden kann, erinnert die Architektur in ihrer geometrischen Klarheit, in ihrer Stringenz, an die Sakralbauten eines Rudolf Schwarz, namentlich St. Fronleichnam im Aachener Osten. Auch hier wird der sakrale Formenkanon in die Moderne reduziert und verdichtet überführt.
Weinmiller Großmann jedoch beschränken sich nicht auf den Innenraum. Sie stellen der Kirche einen Kampanile an die linke Seite und fügen rechts ein Gemeindezentrum dazu. Dieses umschließt einen kleinen Innenhof, um den herum die interne Erschließung geführt wird. Man ist geneigt, hierin ein Quadrum und einen Kreuzgang zu erkennen. Es gibt einen Speisesaal mit Küche, der über diesen Innenhof hinweg in räumlicher Opposition zum Kirchenraum steht: Von seiner Lage könnte dies durchaus ein klösterliches Refektorium sein. Quer dazu weist eine Achse entlang dieses Hofes vom Haupteingang zu einem teilbaren Gemeindesaal. Diesen als Kaptitelsaal anzusprechen erscheint legitim: Die klösterliche Ordnung eines St. Galler Klosterplans wäre gewahrt - zumindest in Ansätzen.
Hinter dem sich zur Vaalserstraße hin öffnenden Gemeindezentrum liegt ein eingezäunter, nicht öffentlicher Gemeindegarten. Mittig weist er eine größere Rasenflächen auf, bietet aber zudem seitlich auch ruhige Zonen für kontemplative Momente an.
Die Fassade der Kirche besteht aus einer sorgsam gemauerten Vormauerschale aus gelbem Ziegelstein, ein im Rheinischen nicht so präsenter Baustoff. Allerdings stellt sich damit unwirklich ein Bezug zur Kolumba, dem Zumthor'schen Diözesanmuseum von 2007 her. Dieses, nominell ein Profanbau, kann seinen sakralen Bezug jedoch nicht verleugnen und strahlt insbesondere in seiner äußeren Anmutung eine gemauerte Würde aus. Sie wurde erreicht durch einen handwerklich sehr bewussten Umgang mit diesem hellen Baustoff; eine konstruktive Haltung, die sich auch bei der Aachener Genezarethkirche wiederfindet. Tatsächlich ist der Bau kompromisslos und formal hart, damit aber auch zeitlos und hochaktuell.
Robert Mehl, Aachen
https://www.db-bauzeitung.de/aktuell/neu-in/genezarethkirche-und-gemeindezentrum