Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Memorial Du Camp de Rivesaltes
Typ:
Gedenkstätte
Ort:
Rivesaltes [Karte]
Staat:
Frankreich
Architekt:
Rudy Ricciotti 🔗, Bandol
Materialien:
Beton
Publiziert:
BFT 07/2016
Seiten:
36 - 39
Inhalt:
[Artikel]      
 

Memorial Du Camp de Rivesaltes

Verneigung vor den Opfern

In der Nähe des südfranzösischen Perpignan wurde das ehemals größte Internierungslager der Republik zu einer Gedenkstätte umgewandelt. Dazu entstand auf dessen einstigem Exerzierplatz ein 220 langer, hermetisch verschlossener Kolossalbau in ockerfarbenem Sichtbeton.
Das Gelände ist geprägt von feindselig wirkenden eingeschossigen Faserbetonruinen. Es sind die Reste ehemaliger Militärbaracken, errichtet in den 1930-er Jahren für die Kolonialarmee, um deren Rekruten an das heiße Klima Afrikas zu gewöhnen. Während des Zweiten Weltkrieges wurde es ein Durchgangslager für Juden und Roma, die hier von der nazifreundlichen Vichy- Regierung zunächst interniert wurden, bevor sie nach Polen zu ihrer industriellen Vernichtung überstellt wurden. Noch in der Nachkriegszeit während des Algerienkrieges (1954-1962) diente das Lager der menschenunwürdigen Unterbringung der Harkis, den ungeliebten Nachkommen der hier einst ausgebildeten Legionäre. Über die Jahre mehrten sich die Stimmen, die sich gegen ein Vergessen dieser durch die Französische Republik begangenen Gräueltaten stellten und hier ein Mahnmal der Sühne forderten.
Der Entwurf
In einer fast zehnjährigen Bau- und Planungszeit wurde die Gedenkstätte vom nahe Marseille lebenden Architekten Rudy Ricciotti realisiert. Er errichtete auf dem ehemaligen Exerzierplatz einen 220 m langen und knapp 25 m langen Sichtbetonquader, der nach außen vollkommen verschlossen erscheint. Der riesige Baukörper wirkt wie ein soeben eingelassener Sarg in einem offenen, in diesem Fall 3,80 m tiefen Grab. Leicht schief liegt er in der Sohle, so als ob er seine finale Position noch nicht eingenommen habe. Sein ockerfarbener Sichtbetondeckel schließt auf der Gebäudewestseite bündig mit dem Terrain ab, ragt aber auf seiner Ostseite 1,70 m aus diesem hervor. Dieser Hochpunkt entspricht der durchschnittlichen, heute noch erhaltenen Mauerhöhe der umliegenden Barackenreste.
Gang durch das Gebäude
In dem halb eingegrabenen Bau brachte der Architekt das gesamte in der Ausschreibung geforderte Raumprogramm unter, das für eine museale Nutzung erforderlich ist: Es beinhaltet natürlich eine Dauerausstellung, einen Vortragssaal mit Zuschauerrängen, die unvermeidlichen Nebenräume, aber auch ein Café sowie Räume für die Verwaltung und die Museumspädagogik. In das Museum gelangt man über eine langgestreckte Rampe auf der Nordseite, die hinab zur Grubensohle führt und dort abrupt vor einer Wand endet. Der Besucher muss sich hier nach Süden wenden – je nach Tageszeit von der Mittagssonne geblendet -, wo er das massige Eingangsportal im Graben vor sich erspäht. Es besteht aus zwei Sichtbeton- Torflügeln, angelegt im gleichen Farbton und mit der gleichen Oberfläche wie die umgebende Wand. Aus diesem hellen, abweisenden Außenraum tritt der Besucher in ein leichte Unsicherheit schürendes Dunkel ein - und ist überrascht von der angenehmen Atmosphäre, die er hier vorfindet. Das Café, die Verwaltung und die pädagogischen Räume orientieren sich um drei Innenhöfe, in denen Brunnen plätschern - die Atmosphäre eines römischen Domus drängt sich auf. Eine angenehme Kühle herrscht und im Café finden sich einladende Ledersessel. An diesen Bereichen vorbei gelangt man über einen weitläufigen, wieder eher bedrückend erscheinenden Gang in den gut 1.700 m² großen Ausstellungssaal. Dessen Decke steigt zusammen mit dem Dach des gesamten Baukörpers über eine beeindruckende Raumlänge von knapp 85 m auf eine Höhe von annähernd 5 m an.
Beton als Stilmittel
Alle Wandflächen, Stützen sowie die Deckenfläche wurden in ockerfarbenem Sichtbeton angelegt. Ursprünglich wollte der Architekt den Beton mit Pigmenten färben, die er direkt aus dem Bodenaushub der Baugrube ausfilterte. Das Erdreich ist hier in markanter Weise rötlich-ockerfarben. Doch die Techniker des Fertigteilherstellers Roussillon Aménagement in Toulouges rieten davon ab, weil damit die Betonqualität in unkontrollierbarer Weise verändert und im Zweifelsfall gemindert worden wäre. Stattdessen näherten sich die Betontechniker der Farbe des Erdbodens mit konventionellen ockerfarbenen Oxidpigmenten an, mit dem sie diesen durchfärbten.
Um sowohl innen wie außen eine Sichtbetonoberfläche zu erhalten und um den Wärmeschutzverordnungen zu entsprechen, wurden die Wände mit einer 11 cm starken Kerndämmung aus geschlossen-porigem Polystyrol in Ortbauweise erstellt. Die sich aus der Betonage ergebenden Schaltafelstöße ließ der Architekt nicht bearbeiten, sie verblieben sichtbar als Zeugnis handwerklicher Arbeit. Die Außenwandschalung wurde in einem frühfesten Zustand entfernt, der Beton unmittelbar danach sandgestrahlt, wodurch die ockerfarbenen Flächen ihre raue Textur erhielten. Die inneren Bereiche sind nicht weiter behandelt oder versiegelt, sie wurden nach dem Aushärten einfach nur ausgeschalt. Die Decke besteht aus einer tragenden, aber ebenfalls durchgefärbten Rohbaukonstruktion, zur Schaffung der gewünschten Beton-brut- Untersicht in einem identischen Farbton. Aufgelegt wurden die Dachabdichtung sowie eine Wärmedämmung, bevor man darauf schließlich einen Deckel aus Betonestrich aufbrachte, der in gleicher Weise wie die anderen Betonbauteile eingefärbt ist.
Bodenintegrierte Spots setzen den großen Ausstellungssaal wirkungsvoll in Szene, indem sie die Wandflächen mit Streiflicht anstrahlen, was die Farbigkeit des Betons zusätzlich betont. Da die Holzdielen lediglich auf einem gekreuzten Lattenrost und nicht auf einem Hohlraumboden aufliegen, war das Anlegen entsprechender Vertiefungen im Rohbau für diese Lichtquellen notwendig. Auch mussten alle erforderlichen Leitungen in offene, in die Betonbodenplatte integrierte Kanäle verlegt werden.
Architektur zollt Respekt
Tatsächlich bleibt das Raumklima infolge der schieren Baumasse und der guten Dämmung selbst während des dort extrem heißen Hochsommers sehr angenehm. Der klimatische wie auch der emotional bedrückende Kontrast zwischen von Menschenverachtung zeugenden Relikten in brutaler Hitze und einer wohltuenden Kühle im Dämmerlicht verstärkt die Dramatik der Gedenkstätte. Der geneigte Bau in der Grube ist eine gelungene Verneigung vor den Opfern in ihren namenlosen Gräbern.
Robert Mehl, Aachen
http://www.bft-international.com