Projektart:
Anfrage:
Objekt:
under 🔗
Typ:
Unterwasserrestaurant
Ort:
Lindesness [Satellit]
Staat:
Norwegen
Architekt:
Snøhetta 🔗, Oslo
Materialien:
Beton, Acrylglas, Holz
Publiziert:
opus c
Seiten:
16 - 25
Inhalt:
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Unterwasserrestaurant "under", Lindesness/NO

Flaschenpost aus Beton

Nahe der Südspitze Norwegens hat das norwegische Architekturbüro Snøhetta mit dem "under" das welterste, eigenständige Unterwasserrestaurant aus Beton geschaffen. Es erinnert an ein im Wasser liegendes, gekipptes Senkkastentunnelelement.
Lindesness liegt im Fjordgarten der Südküste Norwegens, hier steht der bei Touristen beliebte Leuchtturm der Skagerak- Passage. Unweit davon entstand in den letzten Jahren der Küstenvorort Båly, wo die beiden Brüder Stig and Gaute Ubostad ein gehobenes Mittelklassehotel errichteten. Um die touristische Attraktion der Gegend weiter zu steigen, beauftragten die beiden leidenschaftlichen Taucher 2016 das bekannte Architekturbüro Snøhetta mit dem Entwurf und Bau eines Unterwasserrestaurants.
Senkkastentunnelbauweise
Der oberhalb der Wasserlinie liegende, sichtbare Teil dieses Entwurfs erinnert an ein gekipptes Senkkastentunnelsegment. Tatsächlich wurde der Rohbau des 495 m² großen "under" im Winter 2017/18 auf einem Schwimmdock in unmittelbarer Nähe seines geplanten Standortes errichtet. Nach dem Richtfest im Frühsommer 2018 wurde der Rohbau auf einem Ponton von einem Schiffskran an seine vorgesehene Position geschleppt. Man flutete den Ponton, und das "under" begann erst zu sinken und irgendwann zu schwimmen. Um dies zu gewährleisten, waren im Vorfeld beide Fenster eingesetzt worden, womit der Rohbau einem Schiffrumpf glich. Mit dem Aufschwimmen des unfertigen "under", trennte sich der daran nicht befestigte Ponton, sank ganz zu Boden und konnte dann hervorgezogen zu werden. Der schwimmende Baukörper wurde unmittelbar über seine vorgesehene Position manövriert. Vorab hatte man in ihm zahlreiche, leere Kunststofftanks aufgestellt, die jetzt langsam mit Wasser befüllt wurden, um ihn auf den Meeresgrund zu drücken. Dies geschah mit einer zusätzlichen Sicherung mittels Schiffskran. Das Hängen an dessen Haken verhinderte ein Kippen des Rohbaus und damit ein unkontrolliertes Einströmen von Wasser.
Zuvor hatte man am finalen Standort eine große Betonfertigteilgrundplatte mit einer Negativaussparung des Restaurantgrundrisses ins Meer abgelassen. Diese ist mit aufgehenden Gewindestangen ausgestattet, auf die Ösen passen, die an das Restaurant angeformt sind. Während der präzisen "Versenkung" des "under" im Meer, oblag es Tauchern, die Gewindestangen durch besagte Ösen zu führen und das Restaurant anschließend mit großen Schrauben an der Grundplatte zu fixieren. Danach wurden die temporären Wassertanks leer gepumpt und entfernt, da die Fixierung des Gebäudes an der Grundplatte ein Aufschwimmen unmöglich macht. Nun konnte der Innenausbau beginnen.
Geradliniges Konzept
Andreas Joyce Nygaard, Projektleiter bei Snøhetta, vergleicht den Bau gerne mit einer Flasche: Die stirnseitige, große Glasfläche bildet den Flaschenboden, der obere Eingang den Hals. Die Flaschenpostmetapher passt gut: nicht nur, weil die obere Hälfte diesem Bild folgend stark gekippt aus dem Wasser ragt, sondern auch, weil sich der Innenausbau nach oben verengt und in den oberen Bereichen von Holz dominiert ist. Für Nygaard ist das der Flaschenkorken.
Die Form ergab sich aus der Notwendigkeit der Schaffung eines landseitigen, gut 3 m über dem Meeresspiegel liegenden Zugangs und einem Restaurant in rund 5 m Meerestiefe. Angesichts des Küstenverlaufs blieb letztlich nur eine gerade, um 20° ins Wasser geneigte Linie. So ergab sich das röhrenartige Grundkonzept letztendlich von alleine: Stirnseitig zum Land ist der Eingang, am anderen Ende der rd. 33 m langen Röhre gibt die große Glasfläche den Blick frei in die Tiefe des Meeres.
Eventgastronomie
Das Restaurant betritt man über eine U-förmige, feuerverzinkte Metallbrücke und gelangt zu einer schiffsdeckartigen Holzterrasse. Eine Glastür weist den Zugang zu einem Vorraum mit Gaderobe, eine einläufige Holztreppe aus norwegischer Eiche führt hinab zu einem gallerieartigen Zwischengeschoss knapp unterhalb der Meeresspiegelhöhe. Ein seitliches, bis auf das Geschoss darunter reichendes Vertikalfenster zeigt hier, ähnlich einem Fieberthermometer, die aktuelle Tidenhöhe an. Hier befindet sich die Bar, wo der Gast zu dem aus 18 Gängen bestehenden, abendfüllenden Speiseerlebnis begrüßt wird. Der Orientierung der ersten Treppe folgend führt ein zweiter Abgang hinab zum eigentlichen Speisebereich. Während oben eine helle Fichtenholzverkleidung das Volumen prägt, sind es hier dunkelgraue, eng gelochte Akustikpaneele, die auch über die geneigte Deckenfläche hinweglaufen. Den Übergang dazwischen bildet eine straff gespannte, quer gestreifte Akustikmembran, die direkt vom Ortbeton abgehängt ist.
Keine Ankerlöcher
Die Rohbauwandstärke wächst von oben nach unten, entsprechend dem steigenden Wasserdruck, von 40 cm auf 50 cm an. Gearbeitet wurde mit wasserundurchlässigem Beton der Güte B45 und einer Festigkeit von Fck,cube = 55 MPa. Die permanent dem Meer ausgesetzte Betonkonstruktion darf natürlich keine leckenden Ankerlöcher aufweisen, weshalb mit einem wasserdichten Kunststoff- Distanzrohr mit Konus des Herstellers Haucon geschalt wurde. Deren äußeren Hülsenoberflächen sind für einen besonders guten Betonverbund aufgeraut, auch sitzt jeweils in Rohrmitte eine Umfassungsmanschette, die einen Kapillarfluss im Übergang zwischen Kunststoff und Beton unterbindet. Nach dem Ausschalen wurde das Rohrinnere ausgespritzt, mit einem zum System gehörenden Dichtstopfen verschlossen und beigeputzt. Die Ankerlochansätze lassen sich gut in der Sichtbetonoberfläche erkennen.
Diese wurde mit einer üblichen sägerauen Nadelholzbrettschalung erstellt und nach dem Ausschalen weder gestrichen, noch gesäuert und auch nicht hydrophobiert. Die gewollte Oberflächenrauheit soll das Ansiedeln von Algen und Muscheln begünstigen, so dass sich in wenigen Jahren insbesondere der sichtbare Betonrücken kaum von der übrigen Küstenlinie unterscheidet.
Ungebrochener Blick in die Tiefe
Beide Fenster bestehen aus Acrylglas. Sie wurden noch auf dem Schwimmponton von außen in ihre Fensteröffnungen gesetzt. Das hatte nicht nur logistische Vorteile bei der 3,43 m x 10,80 m großen und 25 cm dicken Panoramascheibe, während die Vertikalscheibe nur 8 cm stark ist. Von entscheidendem Vorteil ist, dass so der Wasserdruck die Scheiben fest in ihre Leibungen presst.
Der optische Eindruck der Meereswelt war für die Architekten zentral. So begeistern sie sich insbesondere über den optischen "Acryleffekt", der anders als bei Glas das „Außen“ ohne räumliche Tiefe, also unmittelbar hinter der sichtbaren Glasinnenoberfläche beginnen lässt.
Der Wellenbrecher
Bei den Voruntersuchungen war ein Schlüsselkriterium das Standhalten gegen eine "Jahrhundertwelle", worauf letztlich das sichtbare Gebäudedesign oberhalb der Wasserlinie fußt. So erlaubt die geneigte, fensterlose Betonfläche ein dauerhaftes Wellenanbranden. Die auslaufende Welle kann sogar den Körper überrollen, wozu die landseitigen Öffnungen besonders wasserdicht ausgeführt sind. Die markant abgerundeten Gebäudekanten bewirken schließlich eine kraftmindernde Wellenbrechung in zwei Richtungen. Dabei liegt das gesamte Restaurant so tief im Wasser, dass die vordere Glasfläche, selbst bei starker Sturmflut, nie auftaucht.
Robert Mehl, Aachen