Projektart:
Anfrage:
Objekt:
Typ:
Ausstellung
Ort:
München [Satellit]
Staat:
Deutschland
Architekt:
Teresa Fankhänel (Kuratorin), Andres Lepik (Direktor)
Materialien:
Historische Computer Hard- und Software
Publiziert:
SBD 6/2020
Seiten:
18 - 23
Inhalt:
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Ausstellung «Die Architekturmaschine», Pinakothek der Moderne, München

Computer in der Architektur: Stilbildend oder blosses Handwerkszeug?

Die Münchener Pinakothek der Moderne zeigt noch bis zum 10. Januar 2021 die Ausstellung «Die Architekturmaschine». Sie fragt nach dem Einfluss des Computers auf die architektonische Planung.
Zwischen fünf und 15 Computerprogramme verwendet ein durchschnittliches Architekturbüro heutzutage. Kommerzielle Architektursoftware, wie AutoCAD, ArchiCAD und Illustrator und Photoshop gibt es auf exklusiver Basis seit den 1980er Jahren. In den 1990er Jahren wurden die Programme erheblich günstiger und verbreiteten sich schnell. Nun kommen die ersten Computer ins «Rentenalter».
Wie auch die erste deutsche Computermaus wird das allererste Zeichenprogramm «Sketchpad» 2023 60 Jahre alt. Für Teresa Fankhänel, Kuratorin der Ausstellung «Die Architekturmaschine», haben Sketchpad wie die Computermaus heute durchaus einen museumswürdigen Charakter.
«Nicht nur die digitalen Urväter treten nämlich in den Ruhestand», sagt die Ausstellungsmacherin, «sondern mit ihnen auch die erste Generation von Architekten, die digital gearbeitet haben. Es gilt, deren Erbe zu bewahren und die typische Architekturpraxis der letzten Jahrzehnte museal abzubilden.» Die Ausstellung erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr betrachtet man die Präsentation als einen ersten Schritt im Aufbau einer Sammlung digitaler Architekturexponate.
Die Ausstellung
Welchen Einfluss hat computerunterstützte Planung auf das architektonische Schaffen? Sind Computer und CAD- Programme stilbildend oder blosses Handwerkszeug? Diesen Fragen geht «Die Architekturmaschine» in rund 250 Exponaten und 40 Fallstudien nach. Zu sehen sind Werke aus neun Ländern in Europa, Asien und Nordamerika.
Einen prominenten Platz nimmt in den Räumlichkeiten eine 10 Meter lange Zeittafel ein, auf der die Ausstellungsmacher in chronologischer Folge den Markteintritt von relevanten Dienstprogramme erfassen. Diese «Timeline» ist auch im begleitenden Ausstellungskatalog sehr präsent.
Die Ausstellung wie auch der Katalog teilen sich auf in vier Kapitel:
- Der Computer als Zeichen- und als Rechenmaschine
- Der Computer als Entwurfswerkzeug
- Computer als Medium des Geschichtenerzählens
- Computer als interaktive Plattform
Die von Florian Wengert entworfene Ausstellungsarchitektur besteht aus einem System halbtransparenter Doppelstegplatten, die als Wände dienen. Sie segmentieren die Ausstellungsfläche in mehrere halboffene Raumbereiche. Beim Gang durch die Präsentation nimmt man zahllose Reflexionen wahr, die von den Bildschirmen und Projekten stammen.
Der Rundgang beginnt mit dem Nachbau des Bedientisches des allerersten Zeichenprogramms «Sketchpad» von 1963. Einen Raum weiter erlebt man den BMW- Bubble, der 1999 in Frankfurt auf der Internationalen Automobil- Ausstellung (IAA) gezeigt wurde. Der Frankfurter Architekt Bernhard Franken hatte den wassertropfenartigen Pavillon aus 305 Plexiglasscheiben entwickelt. Für die Festlegung seiner Kubatur wurde durch den Autokonzern seinerzeit ein 3D- Modell geplottet, das hier gezeigt wird. Die Kuratorin Teresa Fankhänel hält dies für den wahrscheinlich weltersten 3D- Druck eines Architekturentwurfes.
Ein weiterer Markstein ist das Projekt «Cornell in Perspektive» (1969-1972) von Donald P. Greenburg, der als Vater des CAD gilt. Für die Ausstellung wird der Film in einer achtminütigen Kurzversion gezeigt. Die Ausstellungsmacher sind davon überzeugt, dass er die welterste Animation eines gerenderten Stadtraums zeigt. Die Ausstellung kulminiert in einem realen Modell des Barclay Center, einer Multifunktionsarena im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Die Architekten des Centers, SHoP Architects, präsentieren es mit einer selbstentwickelten App, die in der Ausstellung erprobt werden kann. Dafür liegt ein Tablet- PC liegt neben dem Modell. Startet man diesen, zeigt der Bildschirm just den hinter dem Gerät liegenden Modellausschnitt als Rendering.
Fragen bleiben offen
Zweifellos ist der Ansatz, dem Computer in der Architektur aktuell eine Ausstellung zu widmen, mehr als berechtigt. Allerdings schuf die Presseankündigung mit dem Satz «Hat der Computer die Architektur verändert, und wenn ja, wie?» eine gewisse Erwartungshaltung, die so nicht erfüllt wird.
Eine kulturhistorische Betrachtung der Entwicklung digitaler Planung hätte am Werk von Zaha M. Hadid oder Jean Nouvel gut nachvollzogen werden können.
Der historische Rückblick ist noch bis zum 10. Januar 2021 in der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen.
Robert Mehl, Aachen
Gleichnamiger Katalog
Terese Fankhänel, Andres Lepik (Hrsg.)
248-seitiger, vollfarbiger Katalog, DIN A 4
Birkhäuser, Basel 2020
Deutsche Ausgabe ISBN: 978-3-0356-2155-9
Englische Ausgabe ISBN 978-3-0356-2154-9
Haupteingang der Münchener Pinakothek der Moderne an der Barer Straße
Im Bereich der Architekturabteilung weist in den Fenstern ein silberner Schriftzug auf die Ausstellung hin
Kuratorin Fankhänel erläutert an einer Vitrine die Entwicklung von Computermäusen
Die Animation "Cornell in Perspektive" von Donald P. Greenburg gilt als das welterste Computer-Rendering eines Stadtraumes
Das Original Steckmodell zu Walter Segal's Konzept der Selbstbauhäuser
Kuratorin Fankhänel zeigt den 3D-Plot des BMW-Bubbles. Dieser gilt als der welterste 3D-Plott eines Architekturentwurfes
Synchronisiertes Realmodell und Rendering des New Yorker Barclay Center von SHoP-Architekten
Cover des Ausstellungskatalogs